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Rudolf Rocker
Prinzipienerklärung des Syndikalismus (1919)
Referat des Genossen Rudolf Rocker auf dem 12.
Syndikalisten-Kongress, abgehalten vom 27. bis 30. Dezember 1919 in dem "Luisenstädtischen
Realgymnasium" zu Berlin, Dresdener Straße.
Die heutige Gesellschaftsordnung, die auch die
kapitalistische genannt wird, gründet sich auf die wirtschaftliche, politische
und soziale Versklavung des werktätigen Volkes und findet einerseits im
sogenannten "Eigentumsrecht", d.h. im Monopol des Besitzes, andererseits im
Staat, d.h. im Monopol der Macht ihren wesentlichen Ausdruck.
Durch Monopolisierung des Bodens und der übrigen Produktionsmittel in der Hand
kleiner privilegierter Gesellschaftsgruppen sind die produzierenden Klassen
gezwungen, ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten den Eigentümern zu
verkaufen, um ihr Leben fristen zu können, und müssen infolge dessen einen
erheblichen Teil ihres Arbeitsertrages an die Monopolkapitalisten abtreten. Auf
diese Weise in die Stellung rechtloser Lohnsklaven gedrängt, haben sie keinerlei
Einfluß auf den Gang und die Gestaltung der Produktion, die ganz und gar dem
Selbstbestimmungsrecht des Kapitalisten überlassen ist.
Es ist daher auch ganz natürlich, daß bei einem solchen Zustand der Dinge die
Grundlage der heutigen Gütererzeugung nicht durch die Bedürfnisse der Menschen,
sondern in erster Linie durch die Voraussetzung des Gewinns für den Unternehmer
bestimmt wird. Da aber dasselbe System auch dem Austausch und der Verteilung der
Produkte zugrunde liegt, so sind die Folgen auch auf diesem Gebiet dieselben und
finden in der rücksichtslosen Ausbeutung der breiten Massen zugunsten einer
kleinen. Minderheit Besitzender ihren Ausdruck. Ist die Beraubung des
Produzenten der mehr oder weniger verschleierte Zweck der kapitalistischen
Produktion, so ist der Betrug an den Konsumenten der eigentliche Zweck des
kapitalistischen Handelns.
Unter dem System des Kapitalismus werden alle Errungenschaften der Wissenschaft
und des geistigen Fortschritts den Monopolisten Untertan gemacht. jede neue
Entwicklung auf dem Gebiet der Technik, der Chemie usw. trägt dazu bei, die
Reichtümer der besitzenden Klasse ins Ungemessene zu steigern, im schauerlichen
Gegensatz zu dem sozialen Elend breiter Gesellschaftsschichten und zu der
andauernden wirtschaftlichen Unsicherheit der produzierenden Klassen.
Durch den ununterbrochenen Kampf der verschiedenen nationalen kapitalistischen
Gruppen um die Beherrschung der Märkte, wird eine ständige Ursache innerer und
äußerer Krisen geschaffen, die periodisch in verheerenden Kriegen zur Entladung
kommt, unter deren schrecklichen Folgen wiederum die unteren Schichten der
Gesellschaft fast ausschließlich zu leiden haben.
Die gesellschaftliche Klassenteilung und der brutale Kampf „Aller gegen Alle“,
diese charakteristischen Merkmale der kapitalistischen Ordnung, wirken in der
selben Zeit auch degenerierend und verhängnisvoll auf den Charakter und das
Moralempfinden des Menschen, indem sie die unschätzbaren Eigenschaften der
gegenseitigen Hilfe und des solidarischen Zusammengehörigkeitsgefühls, jene
kostbare Erbschaft, welche die Menschheit aus den frühen Perioden ihrer
Entwicklung übernommen hat, in den Hintergrund drängen und durch krankhafte
antisoziale Züge und Gewohnheiten ersetzen, die im Verbrechen, in der
Prostitution und in allen anderen Erscheinungen der gesellschaftlichen Fäulnis
ihren Ausdruck findet.
Mit der Entwicklung des Privatbesitzes und den damit verbundenen
Klassengegensätzen entstand für die besitzenden Klassen die Notwendigkeit einer
mit allen technischen Mitteln ausgerüsteten politischen Organisation zum Schutz
ihrer Privilegien und zur Niederhaltung der breiten Massen - der Staat. Ist der
Staat somit in erster Linie ein Produkt des Privatmonopols und der
Klassenteilung, so wirkt er, einmal in Existenz, mit allen Mitteln der List und
Gewalt für die Aufrechterhaltung des Monopols und der Klassenunterschiede,
folglich für die Verewigung der wirtschaftlichen und sozialen Versklavung der
breiten Masse des Volkes und hat sich im Laufe seiner Entwicklung zur gewaltigen
Ausbeutungsinstitution der zivilisierten Menschheit emporgeschwungen.
Die äußerliche Form des Staates ändert an dieser geschichtlichen Tatsache
nichts. Monarchie und Republik, Despotie oder Demokratie - sie alle stellen nur
verschiedene politische Ausdrucksformen des jeweiligen wirtschaftlichen
Ausbeutungssystem vor, die sich zwar in ihrer äußerlichen Gestaltung, nie aber
in ihrem innerlichen Wesen voneinander unterscheiden und in allen ihren Formen
nur eine Verkörperung der organisierten Gewalt der besitzenden Klassen sind.
Mit der Entstehung des Staates beginnt die Ära der Zentralisation, der
künstlichen Organisation von oben nach unten. Kirche und Staat waren die ersten
Vertreter dieses Systems und sind bis heute seine vornehmsten Träger geblieben.
Und da es im Wesen des Staates liegt alle Zweige des menschlichen Lebens seiner
Autorität unterzuordnen, so muß die Methode der Zentralisierung desto
verhängnisvollere Folgen haben, je mehr der Staat den Kreis seiner Funktionen
erweitern und ausbauen konnte. Ist doch der Zentralismus die extremste
Verkörperung jenes Systems, das die Regelung der Angelegenheit Aller, einzelnen
Personen in Bausch und Bogen überträgt.
Dadurch wird der Einzelne zur Marionette, die von oben her gelenkt und geleitet
wird, ein totes Rad in einem ungeheuren Mechanismus. Die Interessen der
Allgemeinheit müssen den Privilegien einer Minderheit das Feld räumen, die
persönliche Initiative dem Befehl von oben, die Verschiedenartigkeit der
Uniformität, die innere Verantwortlichkeit einer toten Disziplin, die Erziehung
der Persönlichkeit einer geistlosen Dressur. - und das alles zu dem Zwecke,
loyale Untertanen heranzubilden, die an dem Fundament des Bestehenden nicht zu
rütteln wagen, willige Ausbeutungsobjekte für den kapitalistischen Arbeitsmarkt.
So wird der Staat zum mächtigsten Hemmnis jedes Fortschritts und jeder
kulturellen Entwicklung, zum festen Bollwerk der besitzenden Klassen gegen die
Befreiungsbestrebungen des arbeitenden Volkes.
Die Syndikalisten, in klarer Erkenntnis der oben festgestellten Tatsachen, sind
prinzipielle Gegner jeder Monopolwirtschaft. Sie erstreben die
Vergesellschaftung des Bodens, der Arbeitsinstrumente, der Rohstoffe und aller
sozialen Reichtümer; die Reorganisation des gesamten Wirtschaftslebens auf der
Basis des freien, d.h. des staatenlosen Kommunismus, der in der Devise: "jeder
nach seinen Fähigkeiten, jeder nach, seinen Bedürfnissen!" seinen Ausdruck
findet.
Ausgehend von der Erkenntnis, daß der Sozialismus letzten Endes eine Kulturfrage
ist und als solche nur von unten nach oben durch die schöpferische Tätigkeit des
Volkes gelöst werden kann, verwerfen die Syndikalisten jedes Mittel einer
sogenannten Verstaatlichung, das nur zur schlimmsten Form der Ausbeutung, zum
Staatskapitalismus, nie aber zum Sozialismus führen kann.
Die Syndikalisten sind der Überzeugung, daß die Organisation einer
sozialistischen Wirtschaftsordnung nicht durch Regierungsbeschlüsse und Dekrete
geregelt werden kann, sondern nur durch den Zusammenschluß aller Kopf- und
Handarbeiter in jedem besonderen Produktionszweige: durch die Übernahme der
Verwaltung jedes einzelnen Betriebes durch die Produzenten selbst und zwar in
der Form, daß die einzelnen Gruppen, Betriebe und Produktionszweige selbständige
Glieder des allgemeinen Wirtschaftsorganismus sind, die auf Grund gegenseitiger
und freier Vereinbarungen die Gesamtproduktion und die allgemeine Verteilung
planmäßig gestalten im Interesse der Allgemeinheit.
Die Syndikalisten sind der Meinung, daß politische Parteien, welchem Ideenkreis
sie auch angehören, niemals imstande sind, den sozialistischen Aufbau
durchführen zu können, sondern daß diese Arbeit nur von den wirtschaftlichen
Kampforganisationen der Arbeiter geleistet werden kann. Aus diesem Grunde
erblicken sie in der Gewerkschaft keineswegs ein vorübergehendes Produkt der
kapitalistischen Gesellschaft, sondern die Keimzelle der zukünftigen
sozialistischen Wirtschaftsorganisation. In diesem Sinne erstreben die
Syndikalisten schon heute eine Form der Organisation, die sie befähigen soll,
ihrer großen historischen Mission und in derselben Zeit dem Kampfe für die
täglichen Verbesserungen der Lohn- und Arbeitsverhältnisse gerecht zu werden.
An jedem Ort schließen sich die Arbeiter der revolutionären Gewerkschaft ihrer
resp. Berufe an, die keiner Zentrale unterstellt ist, ihre eigenen Gelder
verwaltet und über vollständige Selbstbestimmung verfügt. Die Gewerkschaften der
verschiedenen Berufe vereinigen sich an jedem Orte in der Arbeiterbörse, dem
Mittelpunkt der lokalen gewerkschaftlichen Tätigkeit und der revolutionären
Propaganda. Sämtliche Arbeiterbörsen des Landes vereinigen sich in der
Allgemeinen Föderation der Arbeiterbörsen, um ihre Kräfte in allgemeinen
Unternehmungen zusammenfassen zu können.
Außerdem ist jede Gewerkschaft noch föderativ verbunden mit sämtlichen
Gewerkschaften desselben Berufs im ganzen Lande und diese wieder mit den
verwandten Berufen, die sich zu großen allgemeinen Industrieverbänden
zusammenschließen. Auf diese Weise bilden die Föderation der Arbeiterbörsen und
die Föderation der Industrieverbände die beiden Pole, um die sich das ganze
gewerkschaftliche Leben dreht.
Würden nun bei einer siegreichen Revolution die Arbeiter vor das Problem des
sozialistischen Aufbaues gestellt, so würde sich jede Arbeiterbörse in eine Art
lokales statistisches Büro verwandeln, und sämtliche Häuser, Lebensmittel,
Kleider usw. unter ihre Verwaltung nehmen. Die Arbeiterbörse hätte die Aufgabe,
den Konsum zu organisieren und durch die Allgemeine Föderation der
Arbeiterbörsen wäre man dann leicht Imstande, den Gesamtverbrauch des Landes zu
berechnen und auf die einfachste Art organisieren zu können.
Die Industrieverbände ihrerseits hätten die Aufgabe, durch die lokalen Organe
und mit Hilfe der Betriebsräte sämtliche vorhandenen Produktionsmittel,
Rohstoffe usw. unter ihre Verwaltung zu nehmen und die einzelnen
Produktionsgruppen und Betriebe mit allem Notwendigen zu versorgen. Mit einem
Worte: Organisation der Betriebe und Werkstätten durch die Betriebsräte;
Organisation der allgemeinen Produktion durch die industriellen und
landwirtschaftlichen Verbände; Organisation des Konsums durch die
Arbeiterbörsen.
Als Gegner jeder staatlichen Organisation verwerfen die Syndikalisten die
sogenannte Eroberung der politischen Macht, und sehen vielmehr in der radikalen
Beseitigung jeder politischen Macht die erste Vorbedingung zu einer wahrhaft
sozialistischen Gesellschaftsordnung.. Die Ausbeutung des Menschen durch den
Menschen ist aufs engste verknüpft mit der Beherrschung des Menschen durch den
Menschen, so daß das Verschwinden der einen notwendigerweise zum Verschwinden
der anderen führen muß.
Die Syndikalisten verwerfen prinzipiell jede Form der parlamentarischen
Betätigung, jede Mitarbeit in den gesetzgebenden Körperschaften" ausgehend von
der Erkenntnis, daß auch das freieste Wahlrecht die klaffenden Gegensätze
innerhalb der heutigen Gesellschaft nicht mildern kann und daß das ganze
parlamentarische System nur den Zweck verfolgt, dem System der Lüge und der
sozialen Ungerechtigkeit den Schein des legalen Rechts zu verleihen - den
Sklaven, zu veranlassen, seiner eigenen Sklaverei den Stempel des Gesetzes
aufzudrücken.
Die Syndikalisten verwerfen alle willkürlich gezogenen politischen und
nationalen Grenzen; sie erblicken im Nationalismus lediglich die Religion des
modernen Staates und verwerfen prinzipiell alle Bestrebungen zur Erzielung einer
sogenannten nationalen Einheit, hinter der sich doch nur die Herrschaft der
besitzenden Klassen verbirgt. Sie anerkennen nur Unterschiede regionaler Natur
und fordern für jede Volksgruppe das Recht, ihre Angelegenheiten und ihre
besonderen Kulturbedürfnisse gemäß ihrer eigenen Art und Veranlagung erledigen
zu können im solidarischen Einverständnis mit allen anderen Gruppen und
Volksverbänden.
Die Syndikalisten stehen auf dem Boden der direkten Aktion und unterstützen alle
Bestrebungen und Kämpfe des Volkes, die mit ihren Zielen - der Abschaffung der
Wirtschaftsmonopole und der Gewaltherrschaft des Staates nicht im Widerspruch
stehen. Ihre Aufgabe ist es, die Massen geistig zu erziehen und in den
wirtschaftlichen Kampforganisation zu vereinigen, um dieselben durch die direkte
wirtschaftliche Aktion, die im sozialen Generalstreik ihren höchsten Ausdruck
findet, der Befreiung vom Joche der Lohnsklaverei und des modernen
Klassenstaates entgegen zu führen.
Wenn ich das Wort zu einer näheren Begründung der Prinzipienerklärung ergreife,
so ist es deshalb, weil wir alle das Bedürfnis empfinden, gerade jetzt, in
unserer vielbewegten Zeit, den Grundsätzen und taktischen Methoden des
Syndikalismus in der klarsten und bestimmtesten Form Ausdruck zu geben. Man hat
sehr viel debattiert über den Namen unserer Bewegung und viele Genossen hier
haben Anstoß genommen an dem Wort "Syndikalismus". Aber vergessen wir doch
nicht, daß es nicht auf das Wort, sondern auf die Idee ankommt, die eine
Bewegung deckt. In den meisten Fällen sind es die Gegner, die einer Partei ihren
Namen aufzwingen. Daher kommt es, daß die meisten Worte, die den Tageskampf
beherrschen, in der Regel ganz nichtssagender Natur sind, wenn man sie rein
etymologisch beurteilt.
Das Wort Bolschewismus, das heute zum Schreckgespenst Europas geworden ist, und
dem Sinn nach nicht mehr bedeutet als Mehrheitsrichtung, ist der beste Beweis
dafür. Aber auch das Wort "Sozialismus" drückt eigentlich nur den Gedanken der
Gemeinschaft aus, ebenso das Wort "Kommunismus".
Dasselbe ist mit dem Wort "Syndikalismus" der Fall, das nicht mehr wie
Vereinigung heißt. Es gibt kapitalistische und es gibt gewerkschaftliche
Syndikate. Es handelt sich also nicht um das Wort an und für sich, sondern um
die Idee, die es deckt. Wenn das Wort den Gegnern der Volksbestrebungen heute
verhaßt ist, so ist es deshalb, weil die Bestrebungen und Methoden der
syndikalistischen Bewegung den herrschenden Klassen gefährlich erscheinen. Es
gab eine Zeit, wo das Wort "Christ" allgemein verpönt war, und wenn wir uns
heute die Freie Vereinigung katholischer Klosterbrüder nennen würden, so wäre
das Resultat ganz dasselbe.
Man braucht sich auf das Wort "Syndikalismus" ja nicht versteifen; allein es
gibt einen Umstand, der uns gerade verpflichtet, den alten, sturmerprobten Namen
auch fernerhin beizubehalten. Unsere Bewegung ist nämlich nicht nur nationaler,
sondern internationaler Natur. Der in Deutschland so verpönte Syndikalismus ist
in manchen Ländern die wirtschaftliche Einheitsorganisation des Proletariats
geworden, deshalb ist das Wort das Erkennungszeichen, das uns mit unseren
Brüdern jenseits der deutschen Grenzen verbündet. Das sollte auch den Genossen
zu denken geben, die da glauben, das Wort Syndikalismus aus praktischen Gründen
ablehnen zu müssen.
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