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Letzte Aktualisierung dieser Seite am: 17.02.2009
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Rezensionen zum Buch Syndikalismus im "Ländle"
Ulrich Klemm: Schwäbischer Anarchismus
Als Teil der Arbeiterbewegung
ist der Anarchismus in Deutschland nach wie vor ein marginales Forschungsgebiet.
Im Gegensatz zum angelsächsischen Raum halten sich die deutschsprachigen
Geistes- und Sozialwissenschaften bei diesem historischen,
politikwissenschaftlichen und staatsphilosophischen Thema eher zurück und
verfügen nach 1945 nur über eine begrenzte Forschungstradition, die darüber
hinaus lediglich eine eingeschränkte internationale Anschlussfähigkeit erlebt.
Zu den wenigen wegweisenden und herausragenden deutschen Anarchismusforschern,
die sich ab Mitte der 1960er- Jahre mit diesem Thema (erneut) befassten, zählen
z. B. Ulrich Linse, Peter Lösche, Hans G. Helms, Günter Bartsch, Hans M. Bock
oder Erwin Oberländer. Zu diesen „Klassikern“ kam ab Ende der 1970er-Jahre eine
jüngere Generation von Wissenschaftlern hinzu, die daran anschloss bzw. neue und
differenzierte Aspekte bearbeitete. Zu nennen sind die Arbeiten von Angela Vogel
über den Syndikalismus (1977), Wolfgang Haug über Erich Mühsam (1979), Gert
Holzapfel über den „Neo-Anarchismus“ (1984), Holger Jenrich zur Rezeption des
Nachkriegsanarchismus (1986) oder Ulrich Klan und Dieter Nelles mit einer
regionalgeschichtlichen Arbeit über den rheinischen Anarcho-Syndikalismus
(1986). Diese Auflistung ließe sich mit weiteren veröffentlichten und
unveröffentlichten Examensarbeiten bzw. Dissertationen bis heute fortsetzen und
weist die Richtung der Anarchismusforschung: Sie besteht überwiegend aus einem
singulären Forschungsinteresse, das über eine nur geringe Kontinuität und
längerfristige Systematik verfügt. Zu den „großen“ Themen der Forschung zählte
der Anarchismus in Deutschland nie und wird es vermutlich auch nicht werden.
Vielleicht ist dafür auch das immer noch weit verbreitete Bild vom Anarchisten
als dem „Schwarzen Mann“ mit Vollbart und Bombe in der Manteltasche
verantwortlich, das seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Öffentlichkeit und den
Medien verbreitet wurde und sich bis heute – nicht nur in Deutschland – gehalten
hat. Die Arbeit ist allerdings keine umfassende Ideengeschichte des Arbeitersyndikalismus. Sie ist organisationssoziologisch und sozialgeschichtlich orientiert.Zwei Fragestellungen stehen im Mittelpunkt: (1.) Unter welchen Bedingungen entsteht der organisierte Arbeitersyndikalismus? (2.) Wie kommt es zu der Entwicklung von einer politischen Bewegung zu einer Kulturbewegung? Entscheidend für die Entwicklung des Syndikalismus scheint der Grad der Industrialisierung und der Organisation der Arbeiterschaft zu sein. Der Arbeitersyndikalismus fand keine Resonanz, wo bereits Partei- und Organisationsstrukturen der SPD oder KPD bestanden. So gab es beispielsweise in Ulm und Stuttgart keine FAUD-Strukturen. Begründet wird dies vom Autor damit, dass in Ulm Industriestrukturen fehlten und in Stuttgart eine starke SPD vorhanden war. In Tuttlingen und Pliezhausen konnten sich dagegen nach 1918 syndikalistische Strukturen entwickeln, da es keine organisierten Arbeiter gab und ein entsprechender Grad an Industrialisierung vorhanden war. Für heute folgert Döring daraus, dass vor allem in Schwellen- und Billiglohnländern der Nährboden für einen Syndikalismus vorhanden sein müsste, da der Organisationsgrad der Arbeiter einerseits relativ gering und andererseits die Industrialisierung bzw. Globalisierung vorangeschritten ist. Hinsichtlich seiner These und Fragestellung zum Arbeitersyndikalismus als Kulturbewegung kann Döring belegen, dass er sich in Württemberg im untersuchten Zeitraum von einer gewerkschaftlichen Interessenorganisation zu einer Kulturorganisation entwickelt hat. Bei einer Gesamtbetrachtung des Arbeitersyndikalismus in Württemberg kann festgehalten werden, dass er in Form der FAUD nicht über den Status einer Ideenorganisation mit gewerkschaftlichem Anspruch hinausgekommen ist. Jedoch: Obgleich die FAUD bis 1933 eine Randerscheinung in der Arbeiterbewegung blieb, zeigt die Studie, dass es in Württemberg eine anarchistische Bewegung nach 1918 gab, die in verschiedenen Städten und vor allem unter Arbeiterinnen und Arbeitern auf eine zaghafte Resonanz stieß. Die Arbeit verdient in diesem Sinne Beachtung als eine organisationssoziologische Regionalstudie zur Arbeiterbewegung in Württemberg und als Beleg für den politischen und kulturellen Charakter des Anarchosyndikalismus in der Weimarer Zeit. Ulrich Klemm: "Schwäbischer Anarchismus" in: Der Bürger im Staat Nr. 3/4 2008
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