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Rezensionen zum Buch Syndikalismus im "Ländle"

 

Rezension von Nante Götze in der direkten Aktion Rezension von Sebastian Meyler im stattweb Rezension von (sl) im Mitteilungsblatt des DOKUZ Oberer Kuhberg
Rezension von Ulrich Klemm in "Der Bürger im Staat"    

Ulrich Klemm: Schwäbischer Anarchismus

Als Teil der Arbeiterbewegung ist der Anarchismus in Deutschland nach wie vor ein marginales Forschungsgebiet. Im Gegensatz zum angelsächsischen Raum halten sich die deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften bei diesem historischen, politikwissenschaftlichen und staatsphilosophischen Thema eher zurück und verfügen nach 1945 nur über eine begrenzte Forschungstradition, die darüber hinaus lediglich eine eingeschränkte internationale Anschlussfähigkeit erlebt. Zu den wenigen wegweisenden und herausragenden deutschen Anarchismusforschern, die sich ab Mitte der 1960er- Jahre mit diesem Thema (erneut) befassten, zählen z. B. Ulrich Linse, Peter Lösche, Hans G. Helms, Günter Bartsch, Hans M. Bock oder Erwin Oberländer. Zu diesen „Klassikern“ kam ab Ende der 1970er-Jahre eine jüngere Generation von Wissenschaftlern hinzu, die daran anschloss bzw. neue und differenzierte Aspekte bearbeitete. Zu nennen sind die Arbeiten von Angela Vogel über den Syndikalismus (1977), Wolfgang Haug über Erich Mühsam (1979), Gert Holzapfel über den „Neo-Anarchismus“ (1984), Holger Jenrich zur Rezeption des Nachkriegsanarchismus (1986) oder Ulrich Klan und Dieter Nelles mit einer regionalgeschichtlichen Arbeit über den rheinischen Anarcho-Syndikalismus (1986). Diese Auflistung ließe sich mit weiteren veröffentlichten und unveröffentlichten Examensarbeiten bzw. Dissertationen bis heute fortsetzen und weist die Richtung der Anarchismusforschung: Sie besteht überwiegend aus einem singulären Forschungsinteresse, das über eine nur geringe Kontinuität und längerfristige Systematik verfügt. Zu den „großen“ Themen der Forschung zählte der Anarchismus in Deutschland nie und wird es vermutlich auch nicht werden. Vielleicht ist dafür auch das immer noch weit verbreitete Bild vom Anarchisten als dem „Schwarzen Mann“ mit Vollbart und Bombe in der Manteltasche verantwortlich, das seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Öffentlichkeit und den Medien verbreitet wurde und sich bis heute – nicht nur in Deutschland – gehalten hat.
In diesem Forschungskontext erschien nun erstmals eine Studie über den württembergischen Anarchismus 1918 bis 1933, die aus einer Magisterarbeit an der Universität Bremen hervorging. Dieser Zeitraum zählt insgesamt zu einer Blütezeit des deutschen Anarchismus, und insbesondere des Anarcho-Syndikalismus (Freie Arbeiter-Union Deutschlands - FAUD), der in den 1920er-Jahren deutschlandweit bis zu 200.000 Mitglieder hatte. Auf der Grundlage eines freiheitlichen Sozialismus und einer föderalistischen Organisationsstruktur kann die FAUD gleichermaßen als eine Gewerkschafts-, Kultur- und Politikbewegung definiert werden. Es gelingt dieser Arbeit erstmals, die Spuren und die Bedeutung des organisierten Anarchosyndikalismus in und für Württemberg aufzuzeigen. Sie zeigt, dass der Syndikalismus in der Arbeiterbewegung Süddeutschlands durchaus einen Platz neben Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern hatte. Döhring schließt hier eine deutliche Wissenslücke in der Erforschung der Arbeiterbewegung in Baden-Württemberg und bietet eine überzeugende Analyse und Recherche, die in künftigen Betrachtungen
Berücksichtigung finden wird. Obwohl es zwischenzeitlich eine ganze Reihe von Regionalstudien zur anarchistischen Arbeiterbewegung gibt, fehlte bislang eine über den württembergischen Raum. Neben der regionalen und historischen Perspektive ist die Arbeit auch sehr stark durch eine systematische Fragestellung geprägt, die nach den Rahmenbedingungen erfolgreicher bzw. weniger erfolgreicher syndikalistischer Arbeiterbewegung fragt. Ein weiterer Aspekt der Arbeit ist die These vom Arbeitersyndikalismus als Kulturbewegung. Den „Höchststand“ erreichet die FAUD in Württemberg Mitte der 1920er-Jahre mit 15 Ortsvereinen und 1.200 Mitgliedern.
Döhring erfasst die soziologische Zusammensetzung, ihre Arbeitsstrukturen, Berufsgruppen, Wohnbezirke und die Entwicklung der betrieblichen und außerbetrieblichen Organisationen. Seine diesbezüglichen und dokumentierten Recherchen in Archiven sind umfassend und penibel. Die vielfältigen und unterschiedlichen außerbetrieblichen Organisationsstrukturen, wie z. B. die „Gilde freiheitlicher Bücherfreunde“, die „Gemeinschaft proletarischer Freidenker“, die „Syndikalistisch-Anarchistische Jugend Deutschlands“ oder Siedlungs- und Schulprojekte machen deutlich, dass der Arbeitersyndikalismus auch als eine Kulturbewegung bewertet werden kann.
 

Die Arbeit ist allerdings keine umfassende Ideengeschichte des Arbeitersyndikalismus. Sie ist organisationssoziologisch und sozialgeschichtlich orientiert.Zwei Fragestellungen stehen im Mittelpunkt: (1.) Unter welchen Bedingungen entsteht der organisierte Arbeitersyndikalismus? (2.) Wie kommt es zu der Entwicklung von einer politischen Bewegung zu einer Kulturbewegung?

Entscheidend für die Entwicklung des Syndikalismus scheint der Grad der Industrialisierung und der Organisation der Arbeiterschaft zu sein. Der Arbeitersyndikalismus fand keine Resonanz, wo bereits Partei- und Organisationsstrukturen der SPD oder KPD bestanden. So gab es beispielsweise in Ulm und Stuttgart keine FAUD-Strukturen. Begründet wird dies vom Autor damit, dass in Ulm Industriestrukturen fehlten und in Stuttgart eine starke SPD vorhanden war. In Tuttlingen und Pliezhausen konnten sich dagegen nach 1918 syndikalistische Strukturen entwickeln, da es keine organisierten Arbeiter gab und ein entsprechender Grad an Industrialisierung vorhanden war. Für heute folgert Döring daraus, dass vor allem in Schwellen- und Billiglohnländern der Nährboden für einen Syndikalismus vorhanden sein müsste, da der Organisationsgrad der Arbeiter einerseits relativ gering und andererseits die Industrialisierung bzw. Globalisierung vorangeschritten ist. Hinsichtlich seiner These und Fragestellung zum Arbeitersyndikalismus als Kulturbewegung kann Döring belegen, dass er sich in Württemberg im untersuchten Zeitraum von einer gewerkschaftlichen Interessenorganisation zu einer Kulturorganisation entwickelt hat. Bei einer Gesamtbetrachtung des Arbeitersyndikalismus in Württemberg kann festgehalten werden, dass er in Form der FAUD nicht über den Status einer Ideenorganisation mit gewerkschaftlichem Anspruch hinausgekommen ist. Jedoch: Obgleich die FAUD bis 1933 eine Randerscheinung in der Arbeiterbewegung blieb, zeigt die Studie, dass es in Württemberg eine anarchistische Bewegung nach 1918 gab, die in verschiedenen Städten und vor allem unter Arbeiterinnen und Arbeitern auf eine zaghafte Resonanz stieß. Die Arbeit verdient in diesem Sinne Beachtung als eine organisationssoziologische Regionalstudie zur Arbeiterbewegung in Württemberg und als Beleg für den politischen und kulturellen Charakter des Anarchosyndikalismus in der Weimarer Zeit.

Ulrich Klemm: "Schwäbischer Anarchismus" in: Der Bürger im Staat Nr. 3/4 2008

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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