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Rezensionen zum Buch "Damit in Bayern Frühling werde!"

 

Rezension in der Graswurzelrevolution    Rezension von M.Neagoie für Syndikalismusforschung.info    Rezension in Contraste  

 

Rezension von Egon Günther        Rezension von Jürgen Jenko


 

Damit in Bayern Frühling werde!

Ein Buch über die anarcho-syndikalistische Bewegung in Südbayern

 

Buchbesprechung

 

Helge Döhring: Damit in Bayern Frühling werde! Die syndikalistische Arbeiterbewegung in Südbayern von 1914 bis 1933. Verlag Edition AV, Lich/Hessen 2007, 284 S., ISBN 978-3936049-84-8, 17 Euro

 

Viele Bücher sind über die Intellektuellen, über die Bohemiens geschrieben worden.

Denkwürdigerweise wurden diejenigen, welche in den Betrieben für die Ideen Erich Mühsams oder Gustav Landauers eintraten, einfach vergessen.Bayern, von dem hier die Rede ist, bildete dabei keine Ausnahme. Was ist dran an der Annahme, dass sich auch in dieser Region Teile der Arbeiterbewegung nicht nur hinter Bürokratie und Wahlurne scharten?

Und: Sollte es tatsächlich ArbeiterInnen gegeben haben, die Freiheit und Kommunismus nicht mit den scheinradikalen Phrasen verwechselten, die unter dem Banner von Hammer und Sichel verbreitet wurden?

 

Gewerkschafts- und Kulturorganisation

 

Der Historiker Helge Döhring ist dieser Frage nachgegangen. Und das Ergebnis lässt sich sehen. Fundiert und kenntnisreich stellt der Autor in seinem neuen Buch „Damit in Bayern Frühling werde!“ die anarcho-syndikalistische Arbeiterbewegung in Südbayern vor. Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) hat hier ihre Spuren nicht nur in Städten wie München oder Augsburg hinterlassen, sondern auch in kleineren Städten und Dörfern.

Dabei entfaltete sie auf betrieblicher Ebene, aber noch mehr im kulturellen Bereich rege Aktivitäten; auf die der Autor in besonderer Weise eingeht. V.a. Sexualaufklärungs-, Freidenker- und Sängerbewegung sind hier zu nennen.

Eher mit einem Augenzwinkern reißt Helge Döhring kurz das Engagement der GenossInnen in der Abstinenzlerbewegung an. Viel Energie verwendete die FAUD in Südbayern auf die Errichtung eines Denkmals zu Ehren Gustav Landauers auf dem Münchener Waldfriedhof. 1933 wurde es von den Nazis zerstört.

Staatliche Behörden versuchten über all die Jahre, die Aktivitäten der Gewerkschaft einzuschränken oder mittels Verboten zu unterbinden. Auch in den Betrieben der Region hatten die GewerkschafterInnen keinen leichten Stand: So sahen sie sich in Südbayern nicht nur mit Angriffen seitens der Arbeitgeber konfrontiert. Widersacher fanden sie mancherorts auch in den eigenen Kollegen, die zentralistischen Gewerkschaftsorganisationen angehörten.

Zuweilen mündete der Zwist in Forderungen an den Arbeitgeber, anarcho-syndikalistischen AktivistInnen zu kündigen.

Nötigenfalls wurde dies per Streik erzwungen.

 

Strittig

 

Interessant sind die reichsweiten Mitgliederzahlen, die der Autor, gestützt auf Auswertungen umfangreichen Quellenmaterials, erstmals jahrgangsweise für die FAUD und Syndikalistisch-Anarchistische Jugend Deutschlands (SAJD) vorzulegen vermag.

Allerdings ist in der Bewertung derselben Skepsis angebracht. Dass hier die Meinungen der Fachwelt der letzten 30 Jahre weit auseinander gehen, erwähnt Döhring bereits in seiner Einleitung.

 

Nichtsdestotrotz hat die anarcho-syndikalistische Bewegung selbst Angaben über ihre Mitgliederstärke hinterlassen, die der Autor nicht berücksichtigt hat. Kommen seine Zahlen für 1924 (IAA: 30.000, Döhring: 28.000) und 1926 (IAA: 22.000, Döhring: 21.000) noch denen sehr nahe, die zeitgenössische Publizität fanden, listet der Autor für 1928 gänzlich andere auf. Unter Bezugnahme auf einen Polizeibericht von 1927, demnach der spätere bedeutende Anarcho-Syndikalist Helmut Rüdiger auf dem 16. FAUD- Kongress nur von 12.000 Mitgliedern gesprochen haben soll, die Döhring in seiner Auflistung übernimmt, spricht sich der Historiker explizit gegen die jahrelang von anderen Forschern behauptete Mitgliederstärke von 20.000 aus.

 

Im Folgejahr sollen es nur noch 10.000 gewesen sein, wohingegen die IAA 20.000 angibt (1).

 

Ein Fehler ist dem Autor im Kapitel über das Verhältnis der FAUD zur Antirepressionsorganisation Rote Hilfe (RHD) unterlaufen: Die Internationale Arbeiterhilfe (IAH) war nicht die Dachorganisation der internationalen Roten-Hilfe-Organisationen, sondern eine eigenständige, ebenfalls KPD-nahe proletarische Hilfsorganisation (2).

 

Würdigung

 

Ein besonderes Schmankerl ist Döhring mit der Zusammenstellung des Anhangs geglückt, der eine Reihe von Personenportraits und Quellentexten für interessierte LeserInnen bereithält.

Gustav Landauer erfährt hier besondere Würdigung.

Bekannte, aber auch leider in Vergessenheit geratene Protagonisten der anarcho-syndikalistischen Bewegung kommen dabei nicht nur zu Wort, sondern werden auch kurz selbst vorgestellt. Darunter: Fritz Oerter, gewaltfreier Anarcho-Syndikalist, der einen nicht unerheblichen Einfluss in der damaligen Bewegung hatte.

Das Buch besticht zudem durch eine Vielzahl von Abbildungen, v.a. aber durch Döhrings flüssigen Schreibstil, der dafür sorgt, dass man es erst am Ende wieder aus der Hand legen will.

Fazit: Nach seinen regionalgeschichtlichen Veröffentlichungen zu Ostpreußen (FAU-Bremen, 2006) und Württemberg (Verlag Edition AV, 2006) ist es dem Autor gelungen, einen weiteren weißen Fleck von der Landkarte zu tilgen und die eigene Geschichte für die heutige anarchosyndikalistische Bewegung zu erschließen.

Heiko Grau-Maiwald

Anmerkungen

(1)   H. Döhring: Damit in Bayern Frühling werde!, S. 179 (Fußnote 14) und S. 201 ff. Vgl. dazu die Angaben des damaligen IAA-Sekretärs in: Lewis L. Lorwin, Die Internationale der Arbeit. Geschichte und Ausblick. Deutsche Ausgabe von Labour and Internationalism. Verlag des Institute of Economics Washington D.C., Berlin 1930, S. 227. IAA: Internationale Arbeiter Assoziation, anarchosyndikalistische Internationale, in der die FAUD Mitglied war.

(2)   Döhring, S. 127. Dachorganisation der RH- Organisation war in Wirklichkeit die Internationale Rote Hilfe (IRH; russisch MOPR). Die IAH wurde 1921 auf Initiative von Willi Münzenberg, des späteren Medienmoguls der KPD, als internationale proletarische Hilfsorganisation gegründet. Ab 1924 wurde sie zur festen zentralisierten Mitgliederorganisation aufgebaut. Ihre Hauptaufgaben bestanden darin, bei Streiks durch Geldsammlungen, Einrichtung von Küchen, Erholungsaufenthalte für Arbeiterkinder u.ä. solidarische Hilfe zu leisten. Durch Spendensammlungen konnten den in Not geratenen ArbeiterInnen in solchen Fällen Kleidung, Lebensmittel und Geld zur Verfügung gestellt werden. Die IAH unterhielt ferner eine rege filmische Propaganda.

erschienen in "Graswurzelrevolution Nr. 325 - Januar 2008"

 

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