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Milly Witkop-Rocker
Was will der Syndikalistische Frauenbund
Unter
Syndikalismus verstehen wir die wirtschaftliche Vereinigung der Hand- und
Kopfarbeiter auf der Basis einer föderalistischen Organisationsform, die sowohl
auf die praktischen Tagesforderungen als auch auf die Erringung einer besseren
Zukunft eingestellt ist.
Kraft ihrer wirtschaftlichen und moralischen Solidarität versuchen die
syndikalistischen Arbeiter ihre allgemeine Lage innerhalb der heutigen
Gesellschaft nach jeder Richtung hin besser zu gestalten, und zwar durch alle
Kampfmittel der direkten Aktion, die der Augenblick erheischt.
Das vornehmste Ziel der Syndikalisten aber ist
die Überwindung der kapitalistischen Staats- und Wirtschaftsordnung und die
Reorganisation der Gesellschaft auf der Basis des freiheitlichen Sozialismus. –
Die Syndikalisten sind der Meinung, daß der Grund und Boden, die
Produktionsinstrumente und die Arbeitsprodukte Eigentum der Gesamtheit sein und
von den Produzenten selbst verwaltet werden müssen. Aus diesem Grunde erscheint
ihnen das Heranziehen der Arbeiter zu diesem Zweck als die wichtigste Arbeit der
sozialistischen Erziehung.
Im Gegensatz zu den sogenannten sozialistischen Arbeiterparteien der
verschiedenen Richtungen, welche sich die Eroberung der politischen Macht zum
Ziele setzen, verwerfen die Syndikalisten jede Form des Staates und seiner
zahlreichen Institutionen, da sie den Standpunkt vertreten, daß der Staat nie
etwas anderes war und nie etwas anderes sein kann als der politische
Gewaltapparat der besitzenden Klassen, der diesen die wirtschaftliche Ausbeutung
der breiten Massen des werktätigen Volkes sichert.
Ebenso sind die Syndikalisten prinzipielle Gegner jeder Kirche, in der sie
lediglich eine Institution für die geistige Bevormundung und Verdammung des
arbeitenden Volkes sehen, um willige Ausbeutungsobjekte für den Unternehmer und
loyale Untertanen für den Staat heranzuzüchten.
Die Syndikalisten bekämpfen jede Form des Militarismus, in dem sie eine
furchtbare Gefahr für das leibliche und geistige Wohl des Volkes erblicken und
der in der Wirklichkeit nur eine Waffe in den Händen der herrschenden Klassen
gegen die Arbeiterklasse ist, um die Macht der Besitzenden über die große
Mehrheit des Volkes aufrechtzuhalten und gegen Empörungen der Unterdrückten zu
schützen. Aus demselben Grunde sind sie unversöhnliche Gegner jeden Krieges. Für
die Arbeiter aller Länder liegt kein Interesse vor, sich gegenseitig
abzuschlachten, und es ist lediglich ihre Unwissenheit, die sie veranlaßt in den
Krieg zu ziehen, der stets nur daß Ergebnis der Interessengegensätze zwischen,
den Kapitalistengruppen der verschiedenen Staaten ist. Die Syndikalisten sind
Gegner der nationalen Lüge hinter deren schillerndem Gewande sich stets der
nackte Egoismus der besitzenden Klassen verbirgt. Indem sie das Recht der freien
Entwicklung für jedes Volk und für jede Gruppe im Volke prinzipiell anerkennen,
so lange sie dem Wohle der Gesamtheit nicht zum Schaden gereicht, sind sie
Internationalisten und Vertreter einer allgemeinen Verbrüderung der Völker.
Die Syndikalisten bekämpfen jedes vom Staate oder von der Kirche sanktionierte
Erziehungssystem, das letzten Endes nur den Zweck verfolgt, den Geist der Jugend
zu schablonisieren und in bestimmte Formen zu pressen, damit sie sich später um
so williger dem System der politischen Unterdrückung und wirtschaftlichen
Ausbeutung der breiten Massen durch eine kleine privilegierte Minderheit
unterwirft. Sie sind der Meinung, daß sich die organisierte Arbeiterklasse die
Schule für ihre Kinder aus eigener Initiative schaffen muß, und unterstützen
jeden Versuch, der darauf hinzielt, dem Staate und der Kirche das Monopol der
Erziehung zu entreißen. Nur auf diese Weise wird es möglich sein, eine wahrhaft
freie Schule ins Leben zu rufen, die dem Kinde nicht nur die kollektiven Schätze
des menschlichen Wissens erschließt und vermittelt, sondern es auch in derselben
Zeit zu eigenen Betrachtungen anregt und seine Selbständigkeit und
Charakterentwicklung in jeder Weise fördert.
Es ist die Aufgabe des Syndikalistischen Frauenbundes, die Frau mit diesen
Bestrebungen bekannt zu machen und hauptsächlich in den Kreisen jener Frauen zu
wirken, die nicht direkt in der Industrie beschäftigt sind. Die Frau soll nicht
bloß Lebensgefährtin des Mannes sein, sondern ihm auch Mitkämpferin und
Gesinnungsgenossin werden, da sie genau denselben unwürdigen Lebensbedingungen
unterworfen ist wie er. Dabei ist nicht zu vergessen, daß die Frau ein nicht zu
unterschätzender Faktor im Wirtschaftskampfe sein kann besonders soweit Kämpfe
in jenen Industrien in Frage kommen, deren Tätigkeit auf den Bedarf der breiten
Massen eingestellt ist. Während der Mann im Betriebe und in der Fabrik als
Produzent seine Interessen vertritt und dieselben nötigenfalls mit der Waffe des
Streiks verteidigen muß, kann ihm die Frau eine wirksame Stütze sein, indem sie
ihn als Konsumentin mit der Waffe des Boykotts in seinen Kämpfen, die auch die
ihrigen sind, zu Hilfe kommt. Der Streik erweist sich ohnedies mehr und mehr als
ein ungenügendes Mittel, das durch andere Mittel ergänzt werden muß, um auch
fernerhin als wirksamste Waffe der Arbeiter bestehen zu können, und die ganze
wirtschaftliche Entwicklung unserer Zeit drängt mit aller Macht auf eine engere
Verbindung der Produzenten und Konsumenten hin, in der die Frau eine große Rolle
zu spielen berufen ist. Wenn es erst dahin kommt, daß die Frau auch auf diesem
Gebiete ihr Wörtchen mitzusprechen hat, dürfte sich wohl manches ganz anders
gestalten.
Wir behaupten, daß durch die Einwirkung der Frauenwelt nicht nur große
Verbesserungen der materiellen Lebensbedingungen im eigenen Lande erzielt werden
können, sondern daß die Wirkung dieser Kämpfe auch von der Arbeiterklasse des
Auslandes wohltuend empfunden werden dürfte, der wir auf Grund unserer
Geldentwertung zu einer wirtschaftlichen Geißel geworden sind.
Wenn sich die Arbeiter z. B. weigern würden Produkte nach dem Ausland zu
verschieben, die im eigenen Lande gebraucht werden und die infolge der
Verschiebungspolitik zu ungeheuerlichen Preisen verkauft werden, und wenn die
Frauen ihrerseits eine solche Bewegung durch einen organisierten Boykott der
Konsumenten wirksam unterstützen würden, so würde wohl sehr schnell manche
Änderung in der heutigen unerträglichen Lage eintreten.
Die gegenwärtige Situation fordert ganz andere Methoden im praktischen
Tageskampfe, und der Kampf gegen die unerträglichen Wucherpreise dürfte wohl in
der Zukunft eine größere Rolle spielen als die fortwährende Erhöhung der Löhne,
die gewöhnlich schon am nächsten Tage durch neue Preiserhöhungen wieder
illusorisch wird.
- Hier gilt es, tatkräftig einzugreifen und gerade auf diesem Gebiete könnte die
Frau ein dankbares Feld für ihre Tätigkeit finden, um im Dienste der
Gesamtinteressen des Volkes zu wirken.
- Die Unwissenheit und die Stumpfsinnigkeit, die den Geist der Massen noch immer
in Banden schlägt, hat sie bewogen, während der Zeit des ungelegen Krieges die
furchtbarsten Entbehrungen auf sich zu nehmen, es wäre daher schon an der Zeit,
für die Sache der eigenen Befreiung etwas Opferwilligkeit an den Tag zu legen.
Damit dieser Geist im Volke Wurzel finde, auf daß die Menschheit endlich aus
tausendjähriger Sklaverei erlöst werde, dazu sollen auch die syndikalistischen
Frauenbünde ihr Scherflein mit beitragen.
Über die Emanzipation der Frau ist schon viel gesprochen und noch mehr
geschrieben worden. Man hat die Frage von jeder Seite untersucht und ventiliert
und ist zu allen möglichen und unmöglichen Schlüssen gelangt. Nicht nur der
Arzt, der Physiologe und der Soziologe haben sich mit diesem Problem
beschäftigt. auch die Kunst und Literatur hat sich seiner bemächtigt und man
kann wohl sagen, daß es gerade hier einen breiten Platz gefunden hat.
Die große geistige Bewegung in Europa, die mit der Periode der großen
französischen Revolution, ganz besonders aber mit der gewaltigen Umwälzung
unseres gesamten Wirtschaftslebens im Beginn des vorigen Jahrhunderts einsetzte,
rückte auch das Problem der Frauenemanzipation in den Vordergrund unserer
Betrachtungen, aber nur wenige kühne Denker fanden den moralischen Mut, die
letzten Konsequenzen ihrer gewonnenen Erkenntnis zu ziehen.
Und diese wenigen mutigen Männer und Frauen hatten den ganzen Troß der Spießer
gegen sich, die sich bedroht fühlten durch das kühne Vorgehen der neuen
"Weltumstürzler", deren zersetzende Kritik sogar vor dem Heiligtum der Familie
nicht Halt machte.
Ibsen und andere hatten laut und unerschrocken verkündet, daß die Befreiung der
Frau an der Familie scheitern müsse, wenn nicht der Mann seiner bisherigen
Stellung der Frau gegenüber einer gründlichen Korrektur unterziehen würde. Für
die Spießer und Dummköpfe war das allerdings ein ungeheuerlicher Frevel dem sie
in ihrer kleinen Niedertracht die unlautersten Motive unterschoben.
Und doch wurden diese "Frevler" von den tiefsten Gefühlen der Ethik und
Menschlichkeit geleitet, als sie sich anschickten, der von Staat und Kirche
heiliggesprochenen Institution der Familie die heuchlerische Maske vom Gesicht
zu reißen, um sie der Welt in ihrer wahren Gestalt bloßzustellen.
Ibsen geißelte die bestehende Familie bis aufs Blut und suchte die Welt zu
überzeugen, daß ohne die geistige Befreiung des Weibes ein wahrhaftes
Zusammenleben zwischen Mann und Frau überhaupt undenkbar sei Man erkannte, daß
die Emanzipation der Frau nicht bloß eine Frage für das Weib, sondern auch eine
Frage für das Kind, für den Mann, für die ganze Menschheit sei und daß die
Lösung dieser Frage nicht mehr umgangen werden konnte.
Wie kommt es nun, daß die grobe Bedeutung dieser Frage gerade von der Mehrzahl
der Frauen, die doch das meiste Interesse daran haben sollten, bisher ein
wenigsten erkannt wurde? Diese sonderbare Erscheinung hat schon so manche
beschäftigt, aber nur wenige konnten sich darüber klar werden, trotz aller
Bemühungen, der Sache auf den Grund zu kommen.
Die einen behaupten, daß die Frau überhaupt nicht frei werden kann, solange sie
mit der Familie verbunden ist, andere wieder gehen nicht ganz so weit, sondern
sehen in der Küchensklaverei der Frau den Grund dieser Gleichgültigkeit. Sie
sind der Meinung, daß der enge Kreis der Hauswirtschaft, an den die Frau
gefesselt ist, in ihr kein besonderes Interesse für andere Fragen aufkommen läßt.
Es sind dies die bitteren Erfahrungen von Frauen, die lange Jahre als
Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation tätig waren und in ihrem kampfreichen
Leben immer wieder denselben Schwierigkeiten begegnet sind.
Es ist nun kein Zweifel, das der weitaus schwerste Teil des Familienjoches auf
der Frau lastet, und das auch die Küche gerade keine Institution ist, die große
geistige Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten hätte. Allein wir müssen die Dinge
nehmen wie sie sind und müssen uns schon damit abfinden, die Frau in ihrem
Verstecke aufzusuchen, um ihr dort die nötige Aufklärung zu bringen.
Diese Arbeit muß getan werden und soll unsere heiligste Aufgabe sein. Gewiß, die
Aufgabe ist keineswegs leicht und angenehm, aber desto energischer muß sie
aufgenommen und durchgesetzt werden, da wir zu der Überzeugung gekommen sind,
daß die Notwendigkeit, die Frau für unsere Sache zu gewinnen, alle Bedenken
überwiegen sollte.
Um die Frau für die Frage ihrer Befreiung zu interessieren, um ihr die
Notwendigkeit ihrer geistigen Entwicklung fühlbar zu machen, müssen wir zunächst
die Ursache ihrer Rückständigkeit zu erfassen versuchen. Die Erfahrung hat uns
bewiesen. daß die schönsten und feurigsten Appelle an das Gefühl der Frau bisher
zu keinem großen Ergebnis geführt haben. Wir müssen daher versuchen, ob es nicht
noch andere Wege gibt, dem Verständnis der Frau näher zu kommen.
"Ja, wenn die Frau bloß denken würde", sagte mir einst ein guter Kamerad, aber
sie denkt zu wenig und vielleicht gar nicht". - Nun ich bin der Meinung, daß die
Frau zuviel denkt, viel zu viel. Aber ihr ganzes Denken dreht sich fortgesetzt
um die trivialsten Kleinigkeiten, so daß ihr Gehirn davon verbraucht und
erschöpft wird.
Ihr ganzes Leben wird ausgefüllt mit einer Unmenge banaler Dinge, die aber unter
den heutigen Verhältnissen kaum zu umgehen sind. Da die ganze Führung der
Hauswirtschaft fast ausschließlich auf ihr lastet, und ihr die Mittel in den
meisten Fällen äußerst knapp zugemessen sind - ich spreche natürlich von den
Frauen der Arbeiterklasse -, so ist sie stets gezwungen, mit jedem Pfennig die
letzten Spekulationen zu machen.
Unter diesen Umständen ist es denn nur allzu begreiflich, daß ihr wenig Zeit
bleibt, ihren Geist auf andere Dinge zu konzentrieren, ja daß sogar bei vielen
Frauen überhaupt keinerlei Bedürfnis für eine geistige Entwicklung vorhanden
ist.
Wir wissen z. B., daß die sogenannte Arbeitsteilung in der modernen
Großindustrie auf den Geist des Arbeiters einen sehr fatalen Einfluß hat und ihn
mehr und mehr zum Automaten degradiert. Bei der proletarischen Hausfrau bemerken
wir eine ähnliche Erscheinung, die jedoch einer ganz entgegengesetzten Ursache
entspringt. Sie wird zum Automaten durch ihre Vielseitigkeit.
Allerdings handelt es sich in ihrem Falle nicht um eine Vielseitigkeit., die
geistig anregend wirken kann, sondern um eine Vielseitigkeit, die sich aus
lauter Kleinigkeiten zusammensetzt wie sie in der heutigen Form der
proletarischen Hauswirtschaft leider nicht zu umgehen sind. So lange hier kein
Wandel geschaffen werden kann, werden unsere Bemühungen zur geistigen Hebung der
Frau immer nur bescheidene Erfolge erzielen können.
Wir haben längst begriffen, daß, wenn der Arbeiter zehn, zwölf oder vierzehn
Stunden an seine Arbeit geschmiedet ist, er unmöglich die nötige Energie für
seine geistige Entwicklung aufbringen kann. Aus diesem Grunde spielt die
Verkürzung der Arbeitszeit in der modernen Arbeiterbewegung eine so
hervorragende Rolle, und ich möchte behaupten, daß neben den Kämpfen für die
Anerkennung der menschlichen Würde des Arbeiters, die Verkürzung der Arbeitszeit
bis heute das bedeutendste Ergebnis der internationalen Arbeiterbewegung gewesen
ist.
Wer aber dachte je daran, die Arbeitszeit der Frau im Haushalt zu beschränken,
damit auch sie in der Lage sei, an ihrer geistigen Ausbildung wirken zu können?
Und doch muß auch auf diesem Gebiete eine Änderung eintreten, denn es ist ein
Unding, daß eine Hälfte der Menschheit auf unabsehbare Zeit hinaus an jeder
geistigen Entwicklung verhindert bleiben soll.
In anderen Ländern, wie z. B. Amerika, wo die Frau allerdings viel höhere
Ansprüche an das Leben stellt als hier in Deutschland, haben schon lange
bedeutende Reformen im Haushalt stattgefunden und finden solche immer noch
statt, welche die Arbeit der Hausfrau in jeder Weise erleichtert haben.
Ich erinnere nur an die Einführung von Zentralheizungen auf breitester Basis,
von Waschmaschinen und elektrischen Trockenapparaten, von Staubaufsaugern,
Badegelegenheiten im Hause usw., alles Dinge, welche in Amerika bereits großen
Teilen der proletarischen Bevölkerung dienstbar gemacht worden sind, und die dem
Kenner die äußerst primitive Stufe des proletarischen Haushalts in Deutschland
desto peinlicher fühlbar machen.
Jenseits des großen Baches hat man eben eingesehen, dass technische
Verbesserungen im Haushalte nicht weniger wichtig und notwendig sind als in der
Fabrik und Werkstätte. Was der Proletarierfrau in Deutschland noch immer als
Utopie erscheint, ist für viele ihrer Klassengenossinnen in Amerika bereits
Wirklichkeit geworden.
Vor fünfzig Jahren wer es eine Utopie, von einem achtstündigen Arbeitstag zu
träumen, wie es heute noch eine Utopie ist, von einer Beschränkung der
Arbeitszeit im proletarischen Haushalt zu träumen. Aber Utopien werden erfunden,
um verwirklicht zu werden, und so lange der Wunsch nach einer Verbesserung der
Lebensbedingungen nicht besteht, ist an eine Änderung der Dinge überhaupt nicht
zu denken.
Eng verbunden mit der Frage wegen einer Entlastung der proletarischen Frau im
Haushalt ist eine andere Frage von noch größerer Wichtigkeit. Wir sprechen jetzt
von dem Kindersegen ohne Ende, der besonders in den Proletarierfamilien
Deutschlands zu Hause ist, und der die Frau in eine lebenslängliche Sklavin
verwandelt. Reformen im Haushalt, wie wir sie vorher angedeutet haben, lassen
sich nicht mit einem Male durchführen.
Man kann sie anstreben und das Bedürfnis für ihre Notwendigkeit in der Frau
erwecken. Aber auf dem Gebiete der unbeschränkten Volksvermehrung ist ein
sofortiges Eingreifen möglich und durchführbar. Es ist wahrlich schon die
höchste Zeit daß die Frau aufhört, die Rolle einer gewöhnlichen Gebärmaschine zu
spielen, welche die Vermehrung ihrer Familie dem Zufall anheim stellt.
Ein Kind sollte nur dann das Licht der Welt erblicken, wenn das Bedürfnis der
Eltern dafür vorhanden ist und die materiellen Bedingungen für eine gesunde und
menschenwürdige Entwicklung gegeben sind. Wie die Dinge aber heute stehen,
bedeutet die Geburt jedes neuen Kindes in der Proletarierfamilie eine größere
Einschränkung der notwendigsten Lebensbedürfnisse und sehr oft bitteres Elend
und langsames Dahinsiechen sämtlicher Familienmitglieder.
Eine Vermehrung der Familie ist nun einmal nicht verbunden mit einer
automatischen Vergrößerung des proletarischen Einkommens, so daß jeder Bissen,
der dem neuen und in den meisten Fällen unwillkommenen Gast gegeben werden muß,
den Übrigen Familiensprossen von ihrem Leben abgezogen wird. Daß den besitzenden
Klassen ein solcher Zustand der Dinge ganz erwünscht ist, ist leicht
begreiflich.
Je mehr die Kraft des Proletariers im täglichen Kampfe ums Dasein zermürbt und
aufgebraucht wird, desto weniger kommt er in Versuchung, sich gegen das Joch,
das ihm auferlegt wurde, zu empören, desto mehr ist er zur stumpfsinnigen
Ertragung seines Elends gezwungen. Große Proletarierfamilien bedeuten für den
Unternehmer billiges Ausbeutungsmaterial und weniger Risiko in den
unvermeidlichen Wirtschaftskämpfen zwischen Kapitel und Arbeit - für den Staat
willkommenes Kanonenfutter im Falle eines Krieges.
Der proletarischen Frau aber wird ihre Fruchtbarkeit zum doppelten Verhängnis.
Nicht nur, daß sie ihre Sorge um das tägliche Brot fortgesetzt vermehrt und die
Existenz der Familie schwieriger gestaltet, wird sie selbst auch ein Opfer
körperlicher Erschöpfung und aller möglichen Krankheiten, die an ihrem Leben
zehren und sie vor der Zeit verwelken lassen.
Daß ein Weib, dessen ganzes Leben sich nur von einer Schwangerschaft zur anderen
bewegt, für jede geistige Entwicklung verloren ist, ist nur allzu begreiflich.
Und leider befinden sich Millionen von Proletarierfrauen in dieser furchtbaren
Lage.
- Es ist daher eine der wichtigsten Aufgaben des Syndikalistischen Frauenbundes,
in dieser Hinsicht die nötige Aufklärung unter die Frauen zu tragen und damit
eines der schwersten Hindernisse, die sich ihrer Befreiung entgegenstemmen zu
beseitigen. Diejenige, die aus sogenannten "ästhetischen" Gründen eine solche
Aufklärung verpönen, sind reaktionär veranlagte Menschen, welche die ganze
Schauerlichkeit des proletarischen Elends überhaupt nicht erfaßt haben.
Es ist hier nicht der Platz, auf den Ursprung und das Wesen der Familie näher
einzugehen, obwohl nicht verkannt werden soll, daß sich nur allzu oft hinter
ihren engen Wänden die furchtbarsten Tragödien abspielen, die für alle Teile –
Mann, Frau und Kinder - gleich entsetzlich sind. Aber ein großer Teil all des
häßlichen und Kleinlichen, das heute in so vielen Familien eine so hervorragende
und wenig rühmliche Rolle spielt, könnte verschwinden, wenn die Frau auf einer
höheren Stufe geistiger Entwicklung stände.
Die Familie ist kein künstliches Gebilde, das willkürlich ins Leben gerufen
wurde und stets dieselben Formen trug. Sie hat in verschiedenen Zeiten und Zonen
verschiedene Gestalt angenommen, und auch ihre heutige Form wird nicht dieselbe
bleiben, sie wird sich weiter entwickeln und zusammen mit der wirtschaftlichen
und sozialen Veränderungen und mit den ethischen und geistigen Bedürfnissen der
Menschen entsprechende Gestaltungen annehmen.
Sie ist bis heute die wichtigste und für das Einzelleben der Menschen die
einflußreichste Institution gewesen und wird es zweifellos auf lange Zeit hinaus
bleiben. Wohl die tiefsten Eindrücke empfängt der Mensch im Kreise der Familie,
besonders in der Jugend, Eindrücke, die seinem späteren Leben sehr oft eine
entscheidende Richtung geben. Es sollte deshalb alles getan werden, diesem engen
Kreise ein möglichst angenehmes und geistig ansprechendes Gepräge zu geben, in
dem sich besonders das Kind wohlfühlen kann.
Aus dem Elternhause müßte die Jugend die schönsten und reichsten Erinnerungen
mitnehmen auf den Weg des Lebens, der sie später in allen Kämpfen und Fährnissen
wie ein warmer Lichtblick begleiten sollte. So sollte, so müßte und so wird es
sein, wenn Mann und Weib sich als freie und gleiche Menschen zusammenfinden und
sich in wahrer Liebe und gegenseitiger Achtung zugetan sind.
Aber ein solcher Zustand des Zusammenlebens ist nur dann möglich, wenn beide
Geschlechter gleichgestellt sind in allen ihren Beziehungen und die Frau nicht
länger als unmündiges und minderwertiges Wesen betrachtet wird. Nicht
Frauenrechte fordern wir, sondern Menschenrechte, und diese wollen wir erkämpfen
auf allen Gebieten des Lebens.
Es gab nur eine Periode in der Geschichte, in der man in der Frau den Menschen
suchte. Dies geschah in der Zeit der urchristlichen Bewegung. Die Worte, die
damals zu ihr gesprochen wurden, drangen tief hinein in die Frauenseele und
weckten das Schönste und Edelste in ihr. Alle verborgenen Gefühle und
Empfindungen, die seit Jahrtausenden in ihr geschlummert hatten, kamen plötzlich
zum Vorschein und fanden einen wunderbaren Ausdruck in ihr. Mit einem heiligen
Ernst folgte sie dem Rufe, der an sie erging, und bewies damit, daß die
Sklaverei der Jahrhunderte ihren Geist nicht gebrochen hatte.
Ein solcher Ruf ist uns auch heute wieder nötig, um das Herz der Frau mit
Feuerzungen zu ergreifen und sie als Kämpferin in unsere Reihen zu führen. Das
Urchristentum vermochte es, ihre Seele zu lösen, indem er an ihr Menschentum
appellierte und sie als Gleichberechtigte dem Mann zur Seite stellte. Und als
später die christliche Lehre in der Dogmatik der Kirche erdrosselt und das Weib
als die Urmutter der Sünde gebrandmarkt wurde, kämpfte die Frau noch lange Jahre
für ihre Menschenrechte.
Sie nahm einen hervorragenden Anteil in allen Bewegungen gegen die Kirche und
starb als Ketzerin und Hexe auf den unzähligen Scheiterhaufen der Inquisition,
nachdem sie vorher alle Martern der Folterkammer ertragen mußte. Erst als sich
alle diese Bewegungen verblutet hatten und die Kirche als Siegerin auf der
Walstatt blieb, erlag auch die Frau ihren Lockungen. In dem mystischen
Halbdunkel der alten Dome wurde ihre Seele schwach und brüchig.
Eine müde Resignation hatte sie ergriffen, und so wurde sie zur Dienerin der
Kirche, die sich dieses Sieges am meisten freute. Denn die Frau, die in ihrer
Hoffnungslosigkeit von dem trügerischen Ideal der Kirche erfaßt wurde, wurde
eine ihrer gewaltigsten Stützen und ist es bis heute geblieben.
Wir sehen also, daß die Behauptung, daß die Frau für eine große Bewegung wie den
Sozialismus nicht zu gewinnen sei, ebenso grundlos ist, als ob man behaupten
wollte, daß das Proletariat im allgemeinen kein Verständnis für den Sozialismus
habe.
Das Proletariat wird von den besitzenden Klossen seit Jahrhunderten in
Unwissenheit und Sklaverei gehalten, so daß ihm zu seiner geistigen Ausbildung,
besonders zum eigenen Denken wenig Zeit blieb, Menschen, die physisch
überangestrengt, dazu noch sehr oft unterernährt und mit allen möglichen Sorgen
beladen sind, haben wenig Möglichkeit, über soziale Probleme ernsthaft
nachzudenken.
Es ist nicht angeborene Dummheit und Gedankenträgheit, wie so oft behauptet
wird, welche den Arbeiter stumpf und gleichgültig machen, sondern in den meisten
Fällen der Mangel an Gelegenheit und der nötigen Muße. Und was hier von dem
männlichen Proletariat gilt, das gilt noch in viel höherem Maße von der
proletarischen Frau. Die ewigen Vorwürfe, die der Frau tagtäglich über ihre
Unwissenheit und Indifferenz gemacht werden, sind also kaum ein geeignetes
Mittel, sie auf andere Bahnen zu lenken. Wir haben heute schon begriffen. daß
die öden Schimpfereien mit denen blöde Prügelpädagogen der Jugend zusetzen, in
der Regel gerade das Gegenteil von dem erreichen, was sie erreichen sollten.
Indem man auf diese Weise menschliche Würde der Jugend mit Füßen trat, hat man
ihr geistig und seelisch sehr viel geschadet und ihrer natürlichen Entwicklung
Schranken gesetzt. Wir sind der Meinung, daß eine solche Methode in jeder Weise
zu verwerfen ist, daß man nicht immer die schwachen Seiten des Menschen in den
Vordergrund stellen soll, sondern mehr an das Gute, Edle und rein Menschliche in
ihm appellieren muß, um seinen Willen zu stärken und seinen Mut zu beleben.
Hauptsächlich aber ist ein solches Verfahren der Frau gegenüber notwendig, die
schon ohnedies verschüchtert ist, und deren Selbstvertrauen durch ihre lange
Sklaverei schwer erschüttert wurde.
Das Proletarierweib ahnt fast nicht mehr, daß auch in ihm verborgene Talente und
Fähigkeiten schlummern, die nur geweckt und befruchtet werden müssen, um der
Sache der Menschheit nutzbar gemacht zu werden. Nicht nur tadeln sollen wir,
sondern auch ermuntern und aufrütteln. Unterstützen sollen wir die Frau,
geistig, moralisch, ihr den Weg zur Freiheit andeuten, den sie natürlich selber
finden muß.
Wie kommen wir aber an die Frau heran, hauptsächlich en die Frau im Haus und in
der Familie, um ihr den ersten Anstoß zu geben? Diese schwere Aufgabe müssen wir
zu lösen versuchen. Es war schon schwer, an die Frauen, die in der Industrie
beschäftigt sind, heranzukommen.
Diejenigen unter uns, die auf diesem Gebiete tätig gewesen sind, wissen, welch
ungeheure Ausdauer, Mühe und Geduld erforderlich waren, um den Frauen in den
Fabriken und Werkstätten die Notwendigkeit der Organisation vor Augen zu führen.
Warum es so ungemein schwer wer und teilweise noch ist, an die Frau in der
Industrie heranzukommen, die doch in vielen Beziehungen noch schlechter situiert
und noch mehr versklavt war als die Frau im Hause, läßt sich nur dadurch
erklären, daß sie ihre Arbeit in der Fabrik als eine vorübergehende Etappe ihres
Lebens ansah.
Sie war der Meinung, daß, sobald sie einen Mann gefunden, für sie die soziale
Frage gelöst sei und brachte infolgedessen den Organisationsbestrebungen kein
sonderliches Verständnis entgegen.
Man kann das verstehen, obwohl die Berechnung durchaus falsch war, denn die
Erfahrung hat uns gelehrt, daß die Ehe heutzutage nur noch in ganz seltenen
Fällen die wirtschaftliche Frage der Frau zu lösen imstande ist. Die
verheiratete Proletarierin ist heute in den meisten Fällen gezwungen, zu ihrer
alten Beschäftigung zurückzukehren, um meistenteils unter immer schlimmeren
Bedingungen zu arbeiten.
Erst im Laufe der Jahre fing die Frau an, ihre Lage besser zu begreifen und sich
langsam ihrer gewerblichen Organisation anzuschließen. Aber sie bleibt
gewöhnlich nur so lange in der Organisation bis sie einen Mann gefunden und sich
verheiratet hat. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als unsere Schwester,
die in der Familie gelandete Frau, im Hause aufzusuchen, um sie mit unseren
Ideen und Bestrebungen be- kannt zu machen und sie von der Notwendigkeit eines
organisatorischen Zusammenschlusses zu überzeugen.
Diese Aufgabe muß uns stets vor Augen schweben, denn sie bildet den wichtigsten
Schritt unserer propagandistischen Tätigkeit. Nicht nur als Produzentin gilt es,
die Frau der Vereinigung zuzuführen, es gilt auch die Kraft der Frau als
Konsumentin aktionsfähig zu machen, und das kann nur geschehen durch die
Vereinigung der Kräfte in der Organisation. Darin besteht die wichtigste und
vornehmste Aufgabe des Syndikalistischen Frauenbundes.
Es gilt die Frauen des Hauses und der Familie organisatorisch zu erfassen und
ihre geistige Entwicklung in jeder Weise zu fördern, damit sie endlich ihre
menschenunwürdige Lage erkennen. und zum Bewußtsein ihrer selbst kommen. Die
Arbeit, die unsere Organisation während der drei Jahre ihres Bestehens geleistet
hat, berechtigt uns zu der Hoffnung, daß wir wohl imstande sind, unserer großen
Aufgabe gerecht zu werden, wenn wir mit unserer ganzen Energie an sie
herantreten, um ihr Durchbruch zu verschaffen.
Gewiß, die Schwierigkeiten und Hindernisse, die unserer harren sind nicht
gering, aber sie sind nicht unbesiegbar und können mit Geduld, Zähigkeit und
festem Willen wohl überwunden werden. Wir dürfen nie vergessen, daß die Frau so
lange ignoriert und als geistig minderwertig betrachtet und behandelt wurde, so
daß wir plötzliche und überraschende Erfolge unserer Tätigkeit vorläufig wohl
kaum erwarten können.
Die unvermeidlichen Folgen einer tausendjährigen Sklaverei können nicht mit
einem Male ungeschehen gemacht werden. Ihre Rückwirkungen werden sich wohl noch
lange bemerkbar machen und jedenfalls mehr, als uns lieb sein dürfte. Wer in
dieser Hinsicht etwas anderes erwartet, hat die ganze Größe des Problems nicht
erfaßt, an ihm ist die große Tragödie des Weibes spurlos vorübergegangen.
Obwohl wir die Hindernisse, die sich unserer Tätigkeit entgegenstemmen werden,
durchaus nicht gering einschätzen dürfen, so muß dennoch die Wichtigkeit und die
eiserne Notwendigkeit der Sache selbst stets im Mittelpunkt unseres Wirkens
stehen. Die Frau ist heute in erster Linie die Erzieherin der Jugend, die in
ihrer Eigenschaft als Mutter unverkennbar den größten Einfluß auf das Kind hat.
Hier berühren wir eines der größten Probleme unserer Zeit das gelöst werden muß
um jeden Preis, wenn von einer Weiterentwicklung unserer Rasse überhaupt noch
geredet werden soll. So lange die Frau ihre Renaissance nicht erleben wird, kann
von einer Renaissance der Menschheit überhaupt nicht geträumt werden.
Eine Frage von folgenschwerer Bedeutung ist bisher fast ganz außer acht gelassen
worden, oder sie hat zum mindesten nicht die Beachtung gefunden, die sie ohne
Zweifel verdient. Vor dem Kriege war die Frau lediglich ein passives Element im
öffentlichen Leben. Allein in dieser Hinsicht ist eine große Änderung
eingetreten. Nicht nur, daß sie während des Krieges eine gewaltige Rolle
gespielt hat, in dem sie selbst auf solchen Gebieten industrieller und
beruflicher Tätigkeit eingriff, die bisher zur unbestrittenen Domäne des Mannes
gehörten - eine Erscheinung, die weder ihr noch der Menschheit im allgemeinen
zum Heil gereichte -, sie ist seitdem auch ein nicht zu unterschätzender Faktor
in der Politik geworden.
Die Revolutionen in Rußland und Mitteleuropa, die unvermeidlichen Ergebnisse des
großen Völkermordens, brachten auch der Frau das sogenannte Wahlrecht, das
solange das Ideal der bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauenbewegungen
gewesen ist. Man hat des öfteren behauptet, daß der Frau, in Anbetracht ihrer
großen Leistungen während des Krieges, das Wahlrecht verliehen worden sei. Dem
sei wie es wolle, jedenfalls wird dadurch die Tatsache nicht aus der Welt
geschafft, daß dieser Schachzug der Reaktion ausgezeichnete Dienste geleistet
hat und in der Zukunft noch mehr leisten wird.
Das Wahlrecht hat die Frau keineswegs an die Revolution und ihre
Errungenschaften geschmiedet, wie dies von sozialistischen Politikern so oft
behauptet wurde; im Gegenteil, es hat sie in eine neue Welt des Trugs
hineingeführt der sie jeder wehrhaft revolutionären Auffassung der Dinge
entfremden muß.
Nicht nur, daß sie, die mit öffentlichen Angelegenheiten bisher wenig oder gar
nichts zu tun hatte, durch ihre Unkenntnis und ihre anerzogene Unwissenheit
letzten Endes nur der Sache der Reaktion nützen wird, (die verschiedenen
Wahlresultate, die z. B. hier in Deutschland während der letzten Zeit erzielt
wurden, sind ein deutlicher Beweis dafür), wird sie auch in derselben Zeit zu
einem neuen und gewaltigen Hindernis in der Entwicklung der Arbeiterbewegung
werden müssen, hauptsächlich hier in Deutschland.
Der alte Wahnglaube an das Erlösungsmittel der parlamentarischen Tätigkeit, der
gerade der deutschen Arbeiterschaft so sehr zum Verhängnis geworden ist, und der
nun nach langen und schmerzlichen Erfahrungen endlich anfing, in breiten Kreisen
der Arbeiter seinen alten Nimbus zu verlieren, ist durch daß Frauenwahlrecht neu
gestärkt worden.
Alle die bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen der Vergangenheit werden noch
einmal gemacht weiden müssen, bis endlich auch die weibliche Hälfte des Volkes
sich von der Nutzlosigkeit und Schädlichkeit des Parlamentarismus für die Sache
der proletarischen Befreiung überzeugt hat. Und gerade aus diesem Grunde ist
unser Wirken von doppelter und dreifacher Bedeutung.
Das Weib, das solange ignoriert wurde, ist nun plötzlich eine viel umworbene
Person geworden. Alle Parteien bemühen sich gewaltig um die Gunst der Frau, um
ihre Stimme zu bekommen, und jedes Mittel ist ihnen gut genug, um diesen Zweck
zu erreichen.
So wird sie von ihrem eigentlichen Ziele abgelenkt und in das trübe Fahrwasser
der Politik gelotst, was letzten Endes nur dem Staate, der Kirche und dem
Kapitalismus zum Vorteil gereichen muß. Die Träger der Reaktion werden sich die
Unwissenheit der Frauen dienstbar machen, sie werden unablässig bestrebt sein,
das materielle Elend des Proletariats, das ja der Frau am ersten und
nachdrücklichsten fühlbar wird, für ihre dunklen Pläne auszubeuten, um daraus
politisches Kapital zu schlagen. So wird die politische Indifferenz der Frau zu
einem mächtigen Faktor der nächsten Zukunft werden, der allen reaktionären
Maßnahmen des Parlaments die Sanktion des "Volkswillens" verleihen wird.
Und von der anderen Seite wird die grobe und für das Proletariat so gefährliche
Illusion des Parlamentarismus als Mittel zur Befreiung der Arbeiterklasse auch
weiterhin ihren unheilvollen Einfluß auf die Massen ausüben.
Haben unsere männlichen Gesinnungsgenossen über diese Frage schon ernstlich
nachgedacht? Haben sie ihre unheilvolle Tragweite erkannt und die
unvermeidlichen Konsequenzen derselben klar erfaßt? Mir scheint, daß dies nicht
der Fall ist, denn hätte die große Mehrzahl unserer Kameraden den ganzen Ernst
der gegenwärtigen Situation wirklich verstanden, so hätte die dreijährige
Tätigkeit des Syndikalistischen Frauenbundes von weitaus besseren Resultaten
begleitet sein müssen, als dies wirklich der Fall gewesen ist.
Ich will hier niemanden Vorwürfe machen, denn die Zeit ist viel zu ernst, als
daß wir uns gegenseitig befehden dürften, aber das eine muß gesagt werden: so
lange unsere Genossen nicht versuchen werden, diese Frage in ihren letzten
Konsequenzen zu erfassen, werden sie selbst mit verantwortlich sein für alle
unvermeidlichen Folgen des Übels das über uns hereinbrechen wird. Die
Organisation der Frau auf der Basis des Anarcho-Syndikalismus ist ebenso
notwendig als die Organisation der männlichen Arbeiter auf derselben Grundlage.
Deshalb müssen wir uns gegenseitig unterstützen und in unserer Tätigkeit Hand in
Hand gehen.
Überall, wo eine syndikalistische Organisation besteht, muß versucht werden,
auch eine solche der Frauen ins Leben zu rufen, so daß die Sektionen des
Syndikalistischen Frauenbundes das ganze Land wie mit einem Netz bedecken
werden. Die Föderation der Frauen, die im Oktober 1921 auf der ersten
syndikalistischen Frauenkonferenz in Düsseldorf gegründet wurde, muß überall
ausgebaut werden, auf daß uns in naher Zukunft eine gesunde und kampffähige
Bewegung von Männern und Frauen entstehe, die sich in ihrer Tätigkeit
gegenseitig ergänzen werden, zum Nutzen und Gedeihen unserer gemeinschaftlichen
Sache.
Damit wir schneller ans Ziel gelangen mit unseren Bestrebungen, die Frau unserem
Ideale zu gewinnen und sie als Mitkämpferin in dem großen Ringen unserer Zeit
heranzubilden, müssen wir versuchen, Mittel und Wege aufzufinden die dem
besonderen Charakter unserer Aufgabe entsprechen und Rechnung tragen. Das
Nächstliegende wäre, die Vorschläge, die auf der Düsseldorfer Konferenz zur
Debatte standen, so bald als möglich in die Tat umzusetzen.
Wo die Möglichkeit gegeben ist, rufe man kleine Frauenklubs ins Leben, angenehm
und geschmackvoll eingerichtet und mit Büchereien versehen, wo sich die
Genossinnen jederzeit treffen können, um zu lesen oder um sich über wichtige
Fragen auszusprechen, und wohin sie auch nötigenfalls ihre Kinder mitbringen
können. Auch gemeinsame Arbeitsstuben sind ein ausgezeichnetes Mittel für diesen
Zweck.
Dabei müßte man versuchen, Bestrebungen gegenseitiger Hilfe in Krankheitsfällen
usw. nach Kräften zu fördern um die einzelne Frau durch Freundschaftsbande
fester mit ihrem neuen Kreis zu verbinden. Ebenso kommen Gruppen zur Förderung
künstlerischer oder ähnlicher Bestrebungen in Betracht. Auch das Einküchenhaus
soll an dieser Stelle noch erwähnt werden. Bei allen diesen Verbindungen und
Gruppierungen kommt es uns hauptsächlich darauf an, die Frauen einander näher zu
bringen, um auf diese Weise zwischen ihnen ein intimeres dauerhaftes
kameradschaftliches Verhältnis zu schaffen.
Hand in Hand mit diesen Versuchen praktischer Natur, muß dann unsere
Erziehungsarbeit gehen, um vorhandene Talente und Fähigkeiten zur Entfaltung zu
bringen und um den Geist der Selbstständigkeit und die persönliche Initiative
zwischen den Frauen nach Kräften zu fördern und zu entwickeln. Eine bestimmte
Schablone läßt sich in allen diesen Dingen nicht aufstellen. Hier müssen die
besonderen örtlichen Verhältnisse und die Veranlagung der einzelnen entscheiden.
Dabei ist natürlich ein Austausch über die in den verschiedenen Gegenden
gemachten Erfahrungen von allergrößter Wichtigkeit, damit sie fruchtbringend im
Interesse der Gesamtheit verwendet werden können.
Vergessen wir nie, daß wir in einer bitterernsten Periode leben, die in
derselben Zeit nur als Übergangsperiode gewertet werden kann. Die Zeit der
Gleichgültigkeit und Apathie ist vorüber und darf nicht wieder kommen. Wir sind
in einer Periode intensivster Tätigkeit eingetreten, die in der revolutionären
Situation unserer Zeit ihre Wurzel findet.
Lassen wir die jetzige Lage nicht ungenützt vorüber gehen, und machen wir uns
mit dem Gedanken vertraut, dass es uns vielleicht noch beschieden sein wird,
diese alte Gesellschaft, deren Geschichte mit dem Blut und den Tränen der Armen
und Elenden geschrieben wurde, zu Grabe zu tragen, um auf ihren Trümmern eine
Welt der Freiheit auf den unerschütterlichen Fundamenten der gemeinschaftlichen
Arbeit und der gegenseitigen Solidarität aufzubauen.
In diesem Sinne gilt es zu wirken und zu werben, um einer besseren Zukunft
entgegen zu arbeiten. Zeigen wir, dass wir gewillt sind, nicht bloß von den
Früchten der Vergangenheit zu zehren, sondern dass wir auch den Mut und die
Begeisterung in uns fühlen, selbst mit Hand anzulegen, um das Rad der Zeit
vorwärts zu treiben und einem neuen Werden die Tore zu öffnen.
Wohlan denn, Schwestern, jung oder alt, Mädchen und Frauen, Hand- oder
Kopfarbeiterinnen, kommt zu uns und schließt euch unserem Bund an, damit das
große Werk der sozialen Befreiung seiner Vollendung entgegenschreite. Vereinigt
euch mit uns, um uns und unseren Kindern eine schönere Zukunft zu erkämpfen, in
welcher die Ausbeutung und Beherrschung der breiten Massen durch privilegierte
Minoritäten eine Sache der Vergangenheit sein werden.
Sage keine von euch, dass sich nicht fähig sei, zu diesem grandiosen Werke etwas
beitragen zu können. Jede von euch, aber auch jede, ohne Ausnahme, kann ihr
Scherflein beisteuern zum gemeinschaftlichen Ziele. Nur wollen müssen wir. So
wollen wir denn, auf dass unsere Kinder uns nicht den Vorwurf ins Antlitz
schleudern müssen, dass wir als Sklaven gelebt und sie selber als Sklaven in die
Welt gesetzt, damit auch sie mit dem Fluche der Knechtschaft beladen durchs
Leben wandern.
Zeigen wir ihnen, dass wir das Joch, das uns auferlegt wurde, nicht freiwillig
trugen und uns empörten gegen die Gewalt, die uns angetan wurde, um ihnen die
Tore der Freiheit zu öffnen.
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