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Letzte Aktualisierung dieser Seite am: 03.03.2009
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Rezensionen zum Buch "Damit in Bayern Frühling werde!"
Rezension in der Graswurzelrevolution Rezension von M.Neagoie für Syndikalismusforschung.info Rezension in Contraste
Rezension von Egon Günther Rezension von Jürgen Jenko Jürgen Jenko in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum Die syndikalistische Bewegung in der „Ordnungszelle“ des Reichs Helge Döhring: Damit in Bayern Frühling werde! Die syndikalistische Arbeiterbewegung in Südbayern von 1914 bis 1933, Lich/Hessen: Verlag Edition AV 2007, 282 Seiten, 17.00 Euro Nachdem das Phänomen des Syndikalismus, seines Aufstiegs und Niedergangs, in der Geschichtsforschung lange Zeit primär auf makroökonomische Entwicklungen, insbesondere auf Anpassungsprobleme an die wirtschaftliche und soziale Modernisierung zurückgeführt wurde, werden zur Erklärung inzwischen auch die umfassenderen gesellschaftlichen und existentiellen Interessen der Arbeiter in den Blick genommen, „nach dem Aufbau der lokalen Gesellschaft […] und nach dem Raum [gefragt], den sich die Arbeiter in ihr schaffen konnten“. Als eine dezentral aufgebaute Bewegung, für deren Mitglieder die örtliche Bindung und Dimension von besonderer Bedeutung waren, verlangt nämlich gerade der Syndikalismus nach einer lokalhistorischen Untersuchung. (1) Dementsprechend haben vor allem in den letzten Jahren erschienene Studien und Aufsätze über einzelne Ortsgruppe der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) Ursprünge und Entwicklung des deutschen Syndikalismus weiter erhellt und zusätzliche Einsichten bezüglich dessen ideologischer Basis, Organisationssoziologie und sozialer Struktur erbracht. Helge Döhring, aus dessen Feder bereits Werke über die syndikalistische Bewegung in Ostpreußen, Südbaden und Württemberg stammen, hat sich nunmehr mit der FAUD in Südbayern als der dort „den allergrößten Teil der freiheitlich-emanzipatorischen Richtung“ tragenden Organisation auseinandergesetzt, um die durch die Fokussierung der Historiographie auf die Novemberrevolution und die Münchner Räterepublik, die (anarchistischen) Intellektuellen und Bohemiens seiner Meinung nach entstandene „Schieflage in Forschung wie in Publizität“ (S. 15) kompensieren zu helfen. Zentrales Forschungsanliegen ist es ihm als heutiger Aktivist, vermittels einer Gegenüberstellung städtischer, kleinstädtischer und ländlicher Bedingungen die Frage zu beantworten, unter welchen ökonomischen, politischen und kulturellen Bedingungen die syndikalistische Bewegung florierte und welche Faktoren ihrer Ausbreitung hinderlich waren. Die konkreten Aktivitäten vor Ort sollen dabei mit den allgemeinen Organisationsprinzipien und Weltanschauungen der syndikalistischen Bewegung auf Reichsebene in Beziehung gesetzt werden. Im kulturellen Bereich konzentriert sich die Untersuchung auf die Partizipation von Syndikalisten in der Sexualreform- und Sängerbewegung. Den größten Teil der Darstellung nimmt die Geschichte der FAUD in München ein. Ihre lokale Vorläuferorganisation, die Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FvdG), konnte vor dem Ersten Weltkrieg nur dort sowie kurzzeitig in Augsburg und Rosenheim Fuß fassen. Wie auf Reichsebene verdiente auch in der bayerischen Hauptstadt das Gros der insgesamt etwa 200 Mitglieder sein Brot in der Baubranche. Während des Ersten Weltkriegs, als die Freie Vereinigung in die Illegalität gedrängt und ihre reichsweiten Verbandsorgane verboten wurden, konnten die organisatorischen Strukturen weitgehend aufrechterhalten und damit die Grundlage für die rasche Rekonstituierung unmittelbar nach Kriegsende gelegt werden. Auf den Verlauf der ersten Revolutionsphase bis zur Niederschlagung der Münchner Räterepublik nahm die Münchner FVdG allerdings kaum Einfluss. Gleichwohl wurden zwei Mitglieder der Syndikalistischen Arbeiterföderation (SAF) am 4. Mai 1919 von Regierungstruppen erschossen. Der über viele Jahre gewachsene feste Zusammenhalt und die personellen Kontinuitäten vom Kaiserreich zur Weimarer Republik (zu nennen ist hier vor allem der Schreiner Alois Sirch) ermöglichten es der Münchner Ortsgruppe offensichtlich, die Neugründung von Organisationen in der südbayerischen Region zu initiieren. Den Verlust älterer Integrationsfiguren macht Döhring entsprechend als wesentlichen Faktor des stetigen Mitgliederschwundes aus, der einen organisatorischen Konzentrationsprozess in Gang setzte. Bis Mitte der 1920-er Jahre gliederten sich die zahlreichen, zuvor selbständigen Berufsvereinigungen (z.B. der Holzarbeiter, Zimmerer, Isolierer, Steinholz- und Fliesenleger sowie der u.a. bei BMW vertretenen Metallarbeiter) in die SAF, d.h. die Vereinigung aller Berufe bzw. in die Vereinigung der Bauberufe ein. Den Schwerpunkt der Aktivitäten der Münchner Syndikalisten bildete die Solidaritätsarbeit und Sammlung von Spenden für die Festungsgefangenen und nach den Märzkämpfen im Ruhrgebiet für deren Opfer sowie die Durchführung zahlreicher Veranstaltungen, die ebenso wie die Organisationsinterna detailliert dargestellt werden. Dazu zählte auch die seit 1922 vorbereitete und 1925 realisierte, in einem eigenen Kapitel anhand von Berichten aus der syndikalistischen Presse ausführlich geschilderte Errichtung eines Grabmals für den 1919 nach der militärischen Niederschlagung der Münchner Räterepublik ermordeten Gustav Landauer. Desweiteren engagierten sich die Syndikalisten vor allem in der Freidenkerbewegung (dem Freidenkerverein „Darwin“ bzw. der Gemeinschaft proletarische Freidenker (GpF), bei den Freien Sängern München und im Verein für Sexualhygiene und Lebensreform (VSL) bzw. im Reichsverband für Geburtenregelung und Sexualhygiene. Die Bestrebungen zum Aufbau von Ortsgruppen der syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD) und des Syndikalistischen Frauenbundes (SFB) erwiesen sich dagegen als nur kurzzeitig erfolgreich. Eigenständige Tätigkeiten auf betrieblicher Ebene sind nur in Einzelfällen überliefert; im Betrieb waren die Kräfte der Syndikalisten weitgehend fragmentiert, sahen sie sich doch mit der Gegnerschaft des ADGB konfrontiert, die in einem Fall zu einer Arbeitsniederlegung mit dem Ziel der Entlassung eines syndikalistischen Maurers führte. Im Folgenden wird die Entwicklung der Ortsgruppen außerhalb Münchens geschildert. In Augsburg bestand – wie bereits erwähnt – schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Organisation mit etwa 30 Mitgliedern, aber erst 1922 wurden eigene Vereinigungen für Metall- und Textilarbeiter sowie für „alle Berufe“ ins Leben gerufen. Führender Agitator der aufgrund ihrer organisatorischen Schwäche verstärkt als Ideenbewegung wirkenden Augsburger FAUD war der Kriegsinvalide Johann Blöchl. Weitere syndikalistische Gruppen existierten in Dachau und Erding (alle Berufe), in Moosburg (Zimmerer), Trostberg (Chemiearbeiter der Bayerischen Stickstoffwerke AG), und kurzzeitig sogar im agrarisch geprägten Ostschwaben (Pappenheim, Rögling, Langenaltheim, Tagmersheim, Möhren und Monheim), wo die Gründung das Verdienst der Agitation des ehemaligen Sozialdemokraten und USPD-Anhängers Hans Ramsteck war. Portraits des Schreiners Benno Scharmanski (1906-1998), der der syndikalistischen Holzarbeiterföderation und den Freien Sängern angehörte, 1933 im KZ Dachau inhaftiert und nach 1934 Mitglied der Föderation Freiheitlicher Sozialisten (FFS) war und Helmut Rüdiger, der 1925-1928 in München wohnte, später als Redakteur des FAUD-Organs „Der Syndikalist“, Mitglied der Geschäftskommission und Sekretär der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) fungierte, schließen den Hauptteil der Darstellung ab. Anhand einer statistischen Auswertung der Altersstruktur und der Branchenzugehörigkeit kommt Döhring zu dem Ergebnis eines im Vergleich mit den übrigen Ortsvereinen deutlich höheren Durchschnittsalters der Münchner Mitglieder, bei denen es sich vielfach um ehemalige Sozialdemokraten handelte. Neben dem Freidenkerverband war nämlich auch die anarchistische Bewegung zum Sammelbecken zahlreicher oppositioneller Parteimitglieder geworden, die unter dem Parteivorsitz Georg von Vollmars einer rigorosen Ausschlusspraxis zum Opfer gefallen waren. Bei den Bauarbeitern in München werden von ihm insbesondere die lange Tradition des Ortsvereins, seine starke Verankerung innerhalb der Branchenföderation und seine zentrale Bedeutung für die syndikalistische Bewegung Südbayerns als der Organisierung in der FAUD förderlich angesehen, während der Austritt der Trostberger Chemiearbeiter in den 1920er Jahren auf ihre innerorganisatorische Isolation zurückgeführt wird. Aufgrund der auch in Württemberg gewonnenen Resultate entwirft er folgende Formel für die erfolgreiche Konstituierung des Syndikalismus: Syndikalismus = Industrialisierungsgrad – zentralistische Arbeiterorganisationen (S. 186). Relative Stärke konnte die FAUD demzufolge außerhalb der traditionellen Hochburgen der Lokalisten wie München und spezifischer, überproportional repräsentierter Berufsgruppen nur noch in gewerkschaftlich nicht im organisierten Neuland wie dem Ruhrgebiet, Schlesien und Industriedörfern wie Trostberg erlagen. Dort, wo die Freien Gewerkschaften bereits Fuß gefasst hätten wie in Augsburg und Erding, hätte die FAUD kaum oder keinen Boden mehr gewinnen können. Generell wäre ihr weiterer Erfolg dann von der Durchsetzungsfähigkeit gegenüber der vereinten Konkurrenz der Kapitalisten, Sozialdemokraten, Kommunisten und oftmals auch des Militärs abhängig gewesen. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob diese Exklusionsprozesse im Verhältnis zu den politischen und sozialen Antipoden nicht auch konstitutiv für die Herausbildung einer kollektiven Identität und damit gleichermaßen ein zentraler Mobilisierungsfaktor waren. Der Anhang beinhaltet ein Nachwort Günter Gerstenbergs vom Archiv der Münchner Arbeiterbewegung über die ungeschriebene, von der „weiß-blauen Historikerzunft“ ignorierte Geschichte der Widerständigen in Baiern, des „anderen Baiern“, Auflistungen der Mitgliederzahlen der Gesamtorganisation, der SAJD sowie der Ortsvereine in Südbayern, Nachrufe auf Gustav Landauer aus der Feder Victor Fraenkls, Fritz Oerters, Helmut Rüdigers, Erich Mühsams und Augustin Souchys, grundlegende statuarische Bestimmungen der Gesamtorganisation und schließlich einen detaillierten Index der Personen und Treffpunkte. Insgesamt handelt es sich um eine präzise recherchierte, u.a. auf der Auswertung von Beständen der bayerischen Staats- und Kommunalarchive sowie der anarchistischen und syndikalistischen Presse basierende Arbeit. Sie bleibt allerdings sehr stark einer konventionellen organisationsgeschichtlichen Darstellungsweise verhaftet und differenziert nicht immer hinreichend zwischen der Geschichte, Theorie und Programmatik der syndikalsitischen Bewegung auf Reichsebene und der lokalen bzw. regionalen Entwicklung der FAUD in Südbayern, neuere Forschungsansätze und Fragestellungen, die insbesondere in den letzten Aufsätzen von Bert Altena und Marcel van der Linden thematisiert werden, werden ebenso wie die Frage nach der Bedeutung des nachinflationären Wandels der sozioökonomischen Rahmenbedingungen für die Marginalisierung der syndikalistischen Bewegung kaum aufgegriffen. Die Einordnung in die Geschichte der Arbeiterbewegungen in München bzw. Südbayern fällt gerade vor dem Hintergrund der spezifischen politischen Verhältnisse in der „Ordnungszelle“ Bayern sehr knapp aus. Jürgen Jenko Aus: Prof. Dr. Klaus Tenfelde, Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum (Hg.): Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen, Forschungen und Forschungsberichte, Nr. 40 (2008)
(1) Bert Altena: Zur Analyse des revolutionären Syndikalismus, in: Mitteilungsblatt des Instituts zur Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung (IGA) 22 (1999), S. 5-35, hier S. 25f., 34 |
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