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Rezensionen zum Buch "Damit in Bayern Frühling werde!"

 

Rezension in der Graswurzelrevolution    Rezension von M.Neagoie für Syndikalismusforschung.info    Rezension in Contraste  

 

Rezension von Egon Günther    Rezension von Jürgen Jenko


Egon Günther

Helge Döhring, Damit in Bayern Frühling werde! Die syndikalistische Arbeiterbewegung in Südbayern von 1914 bis 1933, Lich/Hessen: Verlag Edition AV, 2007, 276 S.

„(…) Helge Döhring unternimmt den Versuch, die von ihm konstatierte Schieflage auszugleichen, die darin besteht, dass bislang in Publizität und Forschung den prominenten Ideenträgern des reinen Anarchismus wie Gustav Landauer und Erich Mühsam und ihrem Wirken in Bayern mehr Stellenwert zukam als denjenigen, die deren freiheitliche Ideen und föderalistischen Vorschläge in den Betrieben und im Aufbau von Arbeiterbörsen vertreten haben. Sein Material fand er, unterstützt von den Mitgliedern des „Allgemeinen Münchner Syndikats der Erwerbslosen und Lohnabhängigen“ (A.M.S.E.L.) und der Münchner „Freien Arbeiterunion“ (FAU), den heutigen Nachfolgern der damaligen Lokalisten und Syndikalisten, bei der Durchsicht von Archivbeständen in Augsburg, Dachau, Moosburg, Erding, Trostberg und München sowie in Kongreßprotokollen und Drucksachen der syndikalistischen Arbeiterbewegung. Helge Döhring ist selbst in dieser Bewegung aktiv, deshalb ist sein Buch parteiisch und gibt nicht vor, Forschung und Bewegung trennen zu wollen, wie es die Verfechter akademischer wissenschaftlicher Standards einfordern, die von einem scheinbar objektiven Erkenntnisinteresse ausgehen. Bereits Ulrich Linse hatte festgestellt, dass der Münchner Arbeiteranarchismus nicht politisch, sondern primär gewerkschaftlich eingestellt war, und er sah darin einen Grund, warum die Syndikalisten bei der Novemberrevolution und in den Geschehnissen der bairischen Räterepublik angeblich kaum eine Rolle gespielt haben. Dennoch wurden bei der blutigen Repression der kommunistischen Räterepublik im Mai auch Mitglieder der „Syndikalistischen Arbeiterföderation“ (SAF) von den Nosketruppen ermordet, und die Münchner Arbeiterbörse führte Sammlungen zur Solidarität mit den verhafteten Räteanhängern und den Opfern der Märzkämpfe im Ruhrgebiet durch. Die vorliegende Regionalstudie geht dem nach und beschreibt die Organisationsstruktur dieser freiheitlichen Strömung der Arbeiterbewegung, die ihren Zusammenhalt in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg gegen die zentralistischen Organisationsformen zwar anfangs behaupten konnte, aber in den letzten Jahren der Weimarer Republik dahin geschmolzen ist. Zudem wird auf die außerbetrieblichen und kulturellen Aktivitäten der südbayerischen Syndikalisten, die sich zum großen Teil in der anarchosyndikalistischen FAUD organisiert hatten, anhand erhaltener Nachweise über ihre durchgeführten Veranstaltungen eingegangen: Freidenkertum, syndikalistische Jugend- und Frauenbünde, Freie Sänger usf. werden angesprochen. Einen besonderen Platz nimmt das Porträt des Schreiners und Anarchisten Benno Scharmanski ein, der in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg der „Föderation Freiheitlicher Sozialisten (FFS)“ angehörte und noch bis in die neunziger Jahre hinein jüngeren Genossen mit Rat und Tat zur Seite stand. Auch der Sekretär der „Internationalen Arbeiter Assoziation“ und Theoretiker des Anarchosyndikalismus, Helmut Rüdiger, wird eigens vorgestellt. Seine „Karriere“ begann in München als Delegierter der Ortsvereine Dachau, München und Trostberg für den 16. FAUD-Kongreß. Zusammenfassende Überlegungen, warum die „originäre proletarische Klassenbewegung“ der Syndikalisten mitunter auch in ländlichen Regionen bei der neu geformten Industriearbeiterschaft, beispielsweise den Chemiearbeitern in Trostberg oder den Arbeitern im Solnhofener Steinbruch, gegenüber den zentralistischen Verbänden punkten konnte, und worin die eigentliche Stärke des Syndikalismus besteht, beschließen den mit einem materialreichen Anhang versehenen Band, zu dem Günther Gerstenberg ein fulminantes Nachwort beigesteuert hat. Beiläufig formuliert es interessante durch das Buch aufgeworfene Fragen nach der Konjunktur des Anarchosyndikalismus, deren Beantwortung vielleicht das Warten auf den Frühling ein wenig kurzweiliger macht: Warum wurde die anarchosyndikalistische Bewegung in Bayern – und wohl auch im übrigen Deutschland – trotz aller Verve, Begeisterung und trotz der vielen Anstrengungen und Opfer ab Mitte der zwanziger Jahre dennoch zu einer Marginalie? Und wo stehen die heute an einer freiheitlich orientierten Bewegung zur Aufhebung der Lohnarbeit Interessierten in einer seither durch und durch umgebildeten Arbeitswelt, in der, die Positionen der Aufklärung vereinnahmend, der Kapitalismus auf Subjekte setzt, die zwar selbständig und flexibel handeln, sich aber dabei mit den Verhältnissen im Einklang befinden sollen?

Aus: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit (AGWA), Nr. 18, Fernwald 2008

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