|
| |
Andreas Graf
'Entweder ein neuer Strindberg oder Du' - Annemarie Dagerman
Annemarie Dagerman ist eine
Frau, die durch zwei Dinge geprägt wurde: Ihr Aufwachsen in der radikalen
Arbeiterbewegung und ihre Liebe zu dem bekannten schwedischen Schriftsteller
Stig Dagerman. Zwei Pole, die ineinander übergingen, die sich aber auch
aneinander rieben und zu scheinbaren Widersprüchen führten. Auf der eine Seite
die Anarchistin, auf der anderen die klassische Frauenrolle als selbstlose
Partnerin.
Auf den Barrikaden
Als Annemarie sechzehnjährig den ebenso jungen Stig kennenlernte, hatte sie
bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Sie sprach fünf Sprachen, hatte den
deutschen Faschismus und den Spanischen Bürgerkrieg hautnah miterlebt und war
überzeugte Anarchistin.
1924 wurde sie in Leipzig geboren, in einer Familie, die geprägt war durch die
radikale Arbeiterbewegung, und in der sich gerade die Frauen durch ihr
Engagement hervortaten. Bereits als neunjährige war sie gemeinsam mit ihrer
Großmutter Anna Götze, einer Mitbegründerin des Spartakusbundes, als Kurrierin
im antifaschistischen Widerstand aktiv. Ihre Eltern, Elly und Nante Götze, waren
führende Aktivisten der anarchosyndikalis-tischen Freien Arbeiter-Union
Deutschlands (FAUD).
Als Leiter der ab 1933 illegalen FAUD mußte ihr Vater bald untertauchen, und
auch für Annemarie begann damit eine Odysse durch halb Europa. Beeindruckt durch
die Stärke der spanischen Anarchosyndikalisten floh die Familie 1934 ins „Mekka
der Bewegung“, nach Barcelona. Dort übernahm die Mutter die Leitung der
exilierten deutschen Anarchosyndikalisten, während Annemarie Unterricht von der
Psychoanalytikerin Etta Feddern bekam und viele Größen der Arbeiterbewegung
auf deren Schoß sitzend kennenlernte.
Im Laufe des 1936 beginnenden Spanischen Bürgerkrieges und der damit
einhergehenden Sozialen Revolution wurde der sowjetische NKWD, dem diese von
Moskau unabhängige und von der anarchosyndikalistischen CNT dominierten Bewegung
ein Dorn im Auge war, auch auf die Familie Götze aufmerksam. Nachdem die Tante
und Elly kurzzeitig verhaftet wurden und nach Nante intensiv gefahndet wurde,
flohen sie Ende 1937 über Paris nach Norwegen. Eine Entscheidung, die nicht
zuletzt aufgrund der Begeisterung der Familie für die skandinavische Literatur
getroffen wurde.
Neben Ibsen, Nexö, Lagerlöf und Strindberg erwartete sie allerdings auch die
Realität politischer Flüchtlinge in Norwegen. Außerhalb von Oslo mieteten sie
eine kleine Hütte, schliefen auf Stroh und ernährten sich von gekochtem
Lachskopf. Dann drohte die Okkupation, und nachdem ein alter Freund aus der
spanischen Zeit – Willy Brandt – ihnen nochmals die brenzlige Situation
klarmachte, flohen sie in einer Nacht- und Nebelaktion in Richtung Schweden. Auf
dieser beschwerlichen Reise wurde Annemarie von ihren Eltern getrennt, und sie
sollte sie erst sechs Monate später wiedersehen.
Annemarie kam mittellos in Stockholm an. Dank einer Liste mit Namen von Genossen
bekam sie schnell Unterkunft und Anschluß an die syndikalistische Jugend- und
Frauenbewegung. Neben ihrer Arbeit als Näherin begann sie alsbald auch als
Journalistin zu arbeiten. Sie begann, sich insbesondere mit den Schicksalen der
Frauen in der damaligen Zeit auseinanderzusetzen.
Im Schatten des Schriftstellers
In dieser Situation traf sie auf Stig Dagerman, der ebenso wie sie bei Arbetaren,
der Tageszeitung der syndikalistischen Gewerkschaft SAC, arbeitete. Gemeinsam
lasen sie Korrektur und schrieben Theater- und Filmkritiken.
Aus dieser Zusammenarbeit wurde bald Liebe und für Annemarie ein Zurücktreten
hinter den angehenden Schriftsteller. „Entweder ein neuer Strindberg oder Du“,
umriß ihr Vater Nante ihre Situation. Und Annemarie entschied sich für einen
neuen Strindberg. Obwohl sie als Anarchistin einer Ehe eher skeptisch
gegenüberstand, gab sie dem Drängen Stigs nach. Die beiden heirateten 1943 - da
minderjährig - mit der Sondererlaubnis des Königs.
1945/46, nach der Geburt ihrer zwei Söhne, gab Annemarie ihre journalistische
Tätigkeit beim Arbetaren auf, und für Stig begann seine intensivste und
fruchtbarste Schaffensperiode. Stig schrieb wie ein Besessener, zwei, drei Tage
ohne Unterbrechung, Annemarie besorgte ihm die notwendige Ruhe, korrigierte
seine Manuskripte und tippte sie ab.
Stig wurde berühmt, nicht nur in Schweden. Sicherheit gab dies dem
„Schriftsteller des Zweifels“ jedoch nicht. Auch die Ehe begann zu bröckeln. Die
Presse berichtete von Affären mit Schauspielerinnen. Schließlich ließ sich
Annemarie 1953 von ihm scheiden, und er heiratete das damalige Starlette Anita
Björk.
Für Annemarie, die fortan die beiden Söhne allein aufzog, bedeutete dies auch
einen sozialen Abstieg. Aber auch Stig hatte den Halt verloren, er fand keine
Ruhe zum Schreiben mehr. Seine täglichen Gedichte im Arbetaren, die dagversen,
waren das einzige, was er noch zustandebrachte. 1954 nahm er sich, nach einer
Reihe von Selbstmordversuchen, schließlich mit den Abgasen seines Autos das
Leben.
Annemarie fing wieder an, mehr an sich selbst zu denken, arbeitete in
verschiedenen Berufen, war in der Gewerkschaft aktiv, war aber ebenso die
geistige Nachlaßverwalterin Stigs. Seit den 80ern engagierte sie sich für ein
Stig-Dagerman-Museum, daß 1992 im Geburtsort des Schriftstellers, Älvkarleby,
eröffnet wurde.
Die 79jährige ist nachwievor Mitglied der SAC lebt heute als Rentnerin in
Stockholm.
Aus:
http://www.fau.org/texte/biographien/art_031014-135751
| |
R
|