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Hansi Oostinga
Benner, Fritz (1906-1966)
Freie Arbeiter-Union Deutschlands
Fritz Benner wurde am 6. April 1906 in Solingen geboren. Von Beruf war er
Riemendreher. 1927/28 trat er ebenso wie sein Bruder Willi der
anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD)
in Wuppertal bei. Zu diesem Zeitpunkt hatte diese revolutionäre
Gewerkschaftsorganisation ihren Zenit bereits überschritten. Die FAUD, die die
Sozialisierung der Produktionsmittel auf Rätebasis propagierte, Parteipolitik
und Parlamentarismus ablehnte und durch die „Direkte Aktion“ ihre Ziele
verwirklichen wollte, war zu diesem Zeitpunkt in Wuppertal nur noch wenige
Dutzend Mitglieder stark. Ihre Aktivitäten verlagerten sich folglich mehr in
Richtung Kultur und Propaganda. Besonders die jungen Arbeiter, die Ende der
1920er Jahre über die Syndikalistisch-Anarchistische Jugend Deutschlands (SAJD)
zur Bewegung stießen, entfalteten zahlreiche Aktivitäten. Die Brüder Benner
traten die Nachfolge des sehr begabten Hauptagitators der FAUD Wuppertal, Hans
Schmitz, an, der 1931 an den Folgen von Misshandlungen durch die
Nationalsozialisten starb. Außerdem beherbergten sie zeitweise die
Leihbibliothek der FAUD Wuppertal, die etwa 1.000 Bände umfasste.
In Wuppertal waren
die Auseinanderstzungen zwischen Nationalsozialisten und der Arbeiterbewegung
gegen Ende der Weimarer Republik besonders heftig. Die Wuppertaler
Anarchosyndikalisten hatten wie in anderen Städten auch eine antifaschistische
Wehrorganisation gegründet: die „Schwarze Schar”. Diese war innerhalb der FAUD
allerdings ob ihrer schwarzen Uniformierung, aber auch wegen der Verlagerung des
Kampfes vom ökonomischen zum politisch-militärischen nicht unumstritten. Die
„Schwarze Schar” verschaffte sich allerdings durch ihr entschlossenes Auftreten
einigen Respekt. Unter der Wuppertaler Arbeiterschaft herrschte ohnehin ein
militanteres Auftreten als in anderen Städten, und so wagte es die SA bis 1933
nicht, in die Arbeiterviertel einzumaschieren. Fritz Benner berichtet in einem
Artikel im „Arbeiterecho” recht anschaulich davon, wie Mitglieder anderer
Arbeiterorganisationen anarchosyndikalistische Kampfmethoden wie Boykott oder
Mieterstreiks übernahmen; unter anderem schreibt er: „In den letzten Monaten hat
das Proletariat Anfänge gemacht, die Parolen der Anarcho-Syndikalisten, wenn
auch unbewußt, anzuwenden. Als vor einigen Monaten an dem berüchtigten Schwarzen
Sonntag in Wuppertal die Faschisten wie überall den Versuch machten, die
Arbeiterviertel zu erobern, stand das Proletariat in ungewohnter Einheitsfront
zusammen. Proleten, die schon viele Jahre in der SPD oder im Reichsbanner waren,
vergaßen plötzlich die Parolen ihrer Führer, sich nur ruhig auf die Staatsmacht
zu verlassen. Sie trieben Schulter an Schulter mit Kommunisten und Syndikalisten
die braune Pest zu Paaren.” (Arbeiterecho, Nr.3, 1933)
Seit Anfang 1930 war Fritz Benner Betriebsrat bei der Firma Cosman-Villbrandt
und Zehnder. Im Mai 1933 wurde er von der SS verhaftet, weil er auf einer
Betriebsversammlung Stellung gegen die Nationalsozialisten bezogen hatte. Ihm
wurde vorgeworfen, zum Streik aufgerufen zu haben. Da der zuständige
Untersuchungsrichter keinen Haftbefehl ausstellen wollte, führte die Gestapo bei
seinem Bruder Willi Benner, bei dem Fritz gemeldet war, und bei seinen Eltern
eine Hausdurchsuchung durch. Einen im Keller von Willi Benner versteckten
Revolver und einen im Garten vergrabenen Karabiner fanden sie zwar nicht, aber
sie beschlagnahmten ausreichend Material, um eine Rechtfertigung für die
Verhaftung der drei Brüder Fritz, August und Willi Benner sowie des Vaters zu
konstruieren. Kunstdünger, der sich im Keller von Willi Benner befand, wurde
kurzerhand zu Sprengstoff umdeklariert und Zyankali, das der Vater zur
Rattenbekämpfung benutzte, wurde zum Beweis für einen seitens der
Anarchosyndikalisten geplanten Anschlag aufs Trinkwasser. Außerdem fanden sie im
Haus der Eltern den Brief eines Jugendlichen aus Solingen an ein FAUD-Mitglied.
Der Jugendliche berichtete darin von der schlechten Behandlung im Arbeitsdienst.
Beim Bruder stießen sie auf die bei den Nationalsozialisten besonders verhasste
FAUD-Broschüre „Über Hildburghausen ins dritte Reich” und beschlagnahmten
daraufhin die vorhandenen Bücher bis auf zwei Werke des russischen Anarchisten
Kropotkin, die sie fälschlicherweise für landwirtschaftliche Literatur hielten.
Der politisch nicht organisierte Vater wurde nach wenigen Wochen wieder
freigelassen. Die drei Brüder blieben in Schutzhaft. Fritz Benners Weg führte
über das Gefängnis Bendahl zum Polizeigefängnis Bachstraße. Im August wurde er
ins Konzentrationslager Börgermoor eingeliefert und etwa im September kam er ins
Konzentrationslager Oranienburg. Dort freundete er sich mit dem anarchistischen
Dichter Erich Mühsam an, der kurz zuvor selbst der FAUD beigetreten war. Er
mußte mit ansehen, wie er später an Albert de Jong schrieb, „wie man den
Menschen, den ich am meisten verehrte, den Menschen, durch dessen Schriften ich
Revolutionär und Anarchist geworden war, langsam sadistisch zu Tode quälte.”
(Zit. nach: Berner, „Die unsichtbare Front”, S. 112f.)
Im Februar 1934 wurde Fritz Benner ins Konzentrationslager Lichtenburg
überführt, aus dem er am 5. April entlassen wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die
illegale FAUD in Wuppertal noch aktiv. Auch Benner setzte seine illegale Arbeit
fort. Neben illegalen Treffen sammelte man für inhaftierte Genossen, stellte
Propagandamaterial her und verteilte es. Im Oktober 1934 kam es zu mehreren
Verhaftungen Wuppertaler Anarchosyndikalisten.
Fritz Benner konnte sich im Februar 1935 einer erneuten Verhaftung durch eine
Flucht nach Holland entziehen. In Amsterdam arbeitete er in der Gruppe Deutscher
Anarcho-Syndikalisten (DAS), der Organisation der exilierten FAUD-Mitglieder.
Die Gruppe DAS stand in Kontakt mit der illegalen Geschäftskommision in
Deutschland, versorgte die illegalen Gruppen in Deutschland mit Informationen
und Zeitungen und kümmerte sich um deutsche Flüchtlinge. Bei Ausbruch des
Spanischen Bürgerkrieges, in dem die spanischen Anarchosyndikalisten eine
führende Rolle spielten, ging Fritz Benner gemeinsam mit Helmut Kirschey, einem
weiteren Wuppertaler FAUD-Mitglied, nach Barcelona. Hier war er ebenfalls in der
Gruppe DAS aktiv und schloss sich später der Kolonne Durruti an. An der Front
brach erneut ein Lungenleiden aus, das er sich bereits im Konzentrationslager
zugezogen hatte. Nach einem Lazarettaufenthalt ging er zurück an die Front. Das
politische Klima hatte sich allerdings verändert. Helmut Kirschey war bereits
von der stalinistischen Geheimpolizei GPU in einem Gefängnis in Valencia
inhaftiert worden, aus dem ihn die Anarchisten kurz vor Einmarsch der
Franco-Truppen befreiten. 1938 verließen Benner und Kirschey Spanien Richtung
Schweden. In Dänemark wurde Fritz Benner nach Frankreich zurückgeschickt, da
sein spanischer Notpass nicht anerkannt wurde. Es gelang ihm aber über Holland,
wo Genossen ihm einen holländischen Pass besorgten, nach Schweden zu kommen.
Dort wurde er festgenommen und wegen Passfälschung zu drei Monaten Gefängnis
verurteilt, und man drohte ihm mit Abschiebung, die aber nicht durchgeführt
wurde. Bis Kriegsende wurde er aber unter Polizeiaufsicht gestellt. Da er keine
Arbeitserlaubnis erhielt, musste er bis 1943 von der Unterstützung der
schwedischen syndikalistischen Gewerkschaft SAC leben. 1940 wurde er auf
Verlangen der Gestapo erneut von den schwedischen Behörden interniert. Es wurde
ihm vorgeworfen, Sabotage auf deutschen Schiffen zu betreiben. Mit Hilfe einer
Kampagne der SAC, deren Tageszeitung „Arbetaren” und eines Hungerstreiks, wurde
nach vier Monaten Benners Freilassung erreicht.
Fritz Benner heiratete eine Schwedin. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.
1949 kehrte er nach Wuppertal zurück, wo er sich in der Föderation
Freiheitlicher Sozialisten (FFS), der Nachfolgeorganisation der FAUD,
engagierte. Er pflegte zudem Briefkontakt mit dem in die USA emigrierten Rudolf
Rocker, dem führenden Kopf des deutschen Anarchosyndikalismus. Da der
Wiedergutmachungsausschuss in Wuppertal hauptsächlich aus Kommunisten bestand,
wurde sein Antrag auf Wiedergutmachung abgelehnt, woraufhin er den Bearbeiter
verprügelte. Im Juni 1949 wurde er als politisch Verfolgter anerkannt.
Anfang der 1950er zog er wegen seiner Famillie zurück nach Schweden, wo er sich
aber nie wohl gefühlt hat. Am 11. November 1966 verstarb er in Stockholm.
Quellen:
SAPMO-BArch, R 58/318, Bl. 164.
R 58/2308, Bl. 3.
R 58/3254, Bl. 15.
RY 1/I 2/3/43, Bl 314-320 (KPD).
StA Wuppertal, Wiedergutmachungsakte Fritz Benner (11 017).
Berner, Rudolf, Die unsichtbare Front. Bericht über die illegale Arbeit in
Deutschland (1937). Herausgegeben, annotiert und ergänzt durch eine Studie zu
Widerstand und Exil deutscher Anarchisten und Anarchosyndikalisten von Andreas
G. Graf und Dieter Nelles, Berlin/Köln 1997.
Degen, Hans Jürgen, Anarchismus in Deutschland 1945 – 1960. Die Föderation
Freiheitlicher Sozialisten, Ulm 2002.
H. (FAU Bremen), Syndikalist aus Überzeugung. Erich Mühsams Entscheidung
erfolgte nach gründlicher Abwägung zugunsten der FAUD, in: Direkte Aktion, Nr.
158, Juli/August 2003.
Interview mit Hans Schmitz [jun.], Dezember 2004.
Nelles, Dieter/Klan, Uli, „Es lebt noch eine Flamme”. Rheinische
Anarcho-Syndikalisten/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus,
Grafenau 1990.
Schmitz [jun.], Hans, „Umsonst is dat nie“, Widerstand – ein persönlicher
Bericht, Grafenau 2004.
Veröffentlicht in:
Siegfried Mielke (Hrsg.) in
Verbindung mit Günther Morsch: Gewerkschafter in den Konzentrationslagern
Oranienburg und Sachsenhausen. Biographisches
Handbuch. Band 3, Berlin 2005, S.243-246
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