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Rezensionen zum Buch "Damit in Bayern Frühling werde!"

 

Rezension in der Graswurzelrevolution    Rezension von M.Neagoie für Syndikalismusforschung.info    Rezension in Contraste  

 

Rezension von Egon Günther        Rezension von Jürgen Jenko


Damit in Bayern Frühling werde

Buchbesprechung: Helge Döhring zur syndikalistischen Arbeiterbewegung in Südbayern 1914 bis 1933

 

Wer sich für die Geschichte des Anarcho-Syndikalismus interessiert, dem ist in den letzten Jahren sicherlich der Name Helge Döhring geläufig geworden. Der Bremer Anarchosyndikalist und Historiker veröffentlichte in kurzen Abständen mehrere Beiträge zur Geschichte dieser revolutionären Arbeiterbewegung in verschiedenen Regionen Deutschlands sowie zu verschiedenen Fachfragen. Neben zusammenfassenden Regionalstudien – zuletzt zum Anarcho-Syndikalismus in Ostpreußen und Baden - publizierte er 2006 ein Standartwerk zu Württemberg. Nun hat Helge Döhring eine weitere Lücke geschlossen. Soeben erschien sein Buch „Damit in Bayern Frühling werde – Die syndikalistische Arbeiterbewegung in Südbayern“. Eine grundsolide Arbeit über die anarcho-syndikalistische Arbeiterbewegung zwischen 1914 bis 1933.

 

Denkt man an Bayern, denkt man heute wie damals an finstere Reaktion, Obrigkeitsstaat und Klerus. Aufgeklärte Zeitgenossen wissen von der Existenz der Münchner Räterepublik und ihren anarchistischen Protagonisten Gustav Landauer und Erich Mühsam. Veröffentlichungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Bayern haben nahezu ausschließlich die Aktivitäten der sozialdemokratischen- oder kommunistischen Partei zum Inhalt. Über die wirklich freiheitlich-emanzipatorische Arbeiterbewegung wurde hinweggesehen oder aber das Interesse, über diese selbst organisierte Bewegung zu Berichten, war nicht vorhanden.

 

Helge Döhring fasst dies in seiner Einleitung treffend zusammen: „Wenn für Bayern von revolutionärer Arbeiterbewegung die Rede ist, dann richtet sich der Scheinwerfer im Allgemeinen auf die Revolution von 1918/19 und auf die Räterepublik. Viele Bücher sind über die Intellektuellen, über die Bohemiens geschrieben worden. Denkwürdigerweise wurden diejenigen, welche in den Betrieben für die Ideen Mühsams oder Landauers eintraten, einfach vergessen. Die Begrifflichkeit des Anarchismus anstelle des Syndikalismus nimmt über 90 Prozent der Geschichte der freiheitlich-emanzipatorischen Bewegung Südbayerns ein. Das verdreht die historischen Tatsachen. Das Buch soll einen Beitrag dazu leisten, diese Schieflage in Forschung wie Publizität auszugleichen.“

 

Dazu finden sich zusammengefasst in neun Kapiteln zahlreiche Belege. Und um es vorweg zu sagen: Diesem Anspruch wird das Buch gerecht.

 

Die Freie Arbeiter Union Deutschlands (FAUD)

 

Erfreulicherweise wurden in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Regionalstudien zur Geschichte, Zusammensetzung und Aktivität der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) veröffentlicht. Zu ihren Höchstzeiten erlangte die FAUD eine Organisationsstärke von 150.000 Mitgliedern, wie Döhring im Anhang „FAUD im Überblick“ errechnet. Ihr auflagenstärkstes Organ „Der Syndikalist“, erschien über mehrere Jahre wöchentlich. Im Gegensatz zu den zentralistischen Organisationen und Gewerkschaften organisieren sich anarchosyndikalistische Gewerkschafter basisdemokratisch. Jede Gewerkschaft und lokale Gruppe entscheidet selbst bestimmt über die Durchführung von (Arbeits-)Kampfmaßnahmen und ihre Formen. Anarcho-Syndikalisten sind antikapitalistisch. Ausbeutung durch Lohnarbeit soll beendet werden und die Betriebe selbst verwaltet sowie nach Gesichtspunkten des gesellschaftlichen Bedarfs von den Arbeiterinnen und Arbeitern übernommen werden. Statt Reichtum für wenige Kapitalisten soll materieller Wohlstand und politische Gleichheit für Alle das bestimmende Prinzip der angestrebten freien Gesellschaft sein.

 

Herrschaft und Staat werden als Unterdrückungsinstrumente zurückgewiesen. Einer der geistigen Vordenker und Aktivisten des internationalen Anarcho-Syndikalismus, Rudolf Rocker, fasste dies in dem Satz „Der Sozialismus wird frei sein, oder er wird nicht sein“ zusammen. Eine klare Absage an autoritäre Gesellschaftsmodelle wie den "bürgerlichen Staat“ oder die „Diktatur des Proletariats“.

Kein Wunder, dass Anarcho-Syndikalisten zu den ersten und schärfsten Kritikern der Sowjetunion zählten.

 

Gerade diese lebendige föderalistische Struktur macht es Notwendig, dass an die Geschichte der Bewegung vielfältig herangegangen wird. Anders als bei den zentralistischen Organisationen, in denen aller meistens nach Schema F vorgegangen wird, und die Zentrale den Gruppen vor Ort Weisungen über die Gestaltung ihrer Arbeit erteilt, ist der Aufbau und die Aktivität bei den Anarcho-Syndikalisten immer Resultat der eigenen Lebenssituation. Sie ist die Grundlage der Aktivität. Alle Impulse kommen von unten aus den konkreten Bedürfnissen. Dies ist der Grund, warum die FAUD in unterschiedlichen Regionen unterschiedliche Aktivitäten und Strukturen entwickelte. Regionalstudien sind genau deshalb so wesentlich, um einen zusammenfassenden Gesamtüberblick zu erhalten. Döhring: „Unterschiede ergeben sich beispielsweise in der Ausprägung der Wirtschaftsräume wie auch in der Sozialstruktur. Im kulturellen Bereich waren die Anarcho-Syndikalisten schwerpunktmäßig in verschiedenen Bereichen aktiv. Hatte ich mich bei meinen Forschungen zum Syndikalismus in Württemberg beispielsweise verstärkt der Büchergildenbewegung zugewandt, und im Hinblick der Bewegung in Ostpreußen vornehmlich die syndikalistisch-anarchistische Jugendbewegung betrachtet, so treffe ich für Südbayern auf die Sexualaufklärungs- und Sängerbewegung, die ich in den vorgenannten Studien mangels Masse nicht aufgreifen konnte. Auf diese Weise wächst im Detail der Durchblick und auf der Makroebene der Weitblick für den Forschungsgegenstand Anarcho-Syndikalismus.“

 

Was war in Südbayern?

 

Anhand der wachsenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert zeichnet Helge Döhring die Entwicklung der syndikalistischen Arbeiterbewegung in Südbayern nach. Die 1897 gegründete „Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ (FVdG), die Vorgängerorganisation der FAUD, fasste dort zuerst in München Fuß. In einem einleitenden Kapitel berichtet er über die Anfänge dieser aus der Sozialdemokratie hervorgegangen Gewerkschaft und ihre Aktivitäten in München und nach 1918 auch in Rosenheim und Augsburg. München blieb jedoch bis 1933 durchgehend der organisatorische Schwerpunkt. Vor dem 1. Weltkrieg vereinigte die FVdG dort etwa 200 Mitglieder. Nach dem Krieg wuchs die Bewegung auf ca. 1000 Mitglieder an. Größten Anteil hatten die Fliesenleger. Eigenständige Berufsorganisationen bildeten weiterhin die „Isolierer und Steinholzleger“, die Maurer, die Betonarbeiter, Metallarbeiter und Tischler/Holzarbeiter. Der 1. Weltkrieg brachte Zensur und eine starke Einschränkung der Organisationstätigkeit. Zahlreiche Mitglieder wurden Opfer des Krieges. Die FVdG unterstützte nach Kräften die Familien der Hinterbliebenen und war bemüht die Organisation aufrecht zu erhalten.

 

Als vom 09. November  1918 von Kiel ausgehend die Revolution auch in Bayern losbrach, verhielten sich die Syndikalisten ihr gegenüber zurückhaltend. Diese Zurückhaltung führt Döhring auf den starken politischen Charakter der Revolution zurück. Das Revolutionsverständnis war ein anderes. Nicht die Eroberung der politischen Macht war das Ziel; Den Syndikalisten ging es vornehmlich um die wirtschaftliche – soziale – Revolution. Dennoch unterstützen und begleiteten sie die Revolution solidarisch. Das FAUD-Organ „Der Syndikalist“ verbreitete die „Erklärung des Bayerischen Zentralrates der Räterepublik“  vom 07. April 1919. Und der Fürther Anarchosyndikalist Fritz Oerter berichtete regelmäßig über den Verlauf der Revolution, welche schließlich mit brutalsten Methoden durch Militär und Freikorps niedergeschlagen wurde. Zahlreiche Arbeiter wurden erschossen. Der Anarchist und Pazifist Gustav Landauer von Soldaten totgetreten. Döhring lässt Fritz Oerter im Buch zu Wort kommen, welcher die Lehren aus der Revolution wie folgt zusammenfasst: „Solange die Arbeiter nicht endlich anfangen, selber nachzudenken und selber zu handeln, solange sie nicht begreifen, dass kein Mensch und kein Führer sie befreit, wenn sie sich nicht selber zur revolutionären Tat aufraffen und geeint durch Solidarität die alten und neuen Autoritäten stürzen, um für den Aufbau des Sozialismus Platz zu bekommen, solange wird die Reaktion in- und außerhalb Bayerns noch manche Mordtat vollbringen und noch viele gute Tage haben.“

 

Zu den Solidaritätsaktionen der FAUD gehörte die materielle Unterstützung der aufgrund der Revolution inhaftierten Genossen und ihrer Familien. Der Aufgrund seiner Tätigkeit in der Räterepublik 1922 noch immer im Kerker sitzende Erich Mühsam wurde von den Münchner Syndikalisten mit Lebensmitteln versorgt.

 

Dokumentiert und anschaulich dargestellt werden weiterhin die Unterstützungsleistungen für die Kämpfenden gegen den reaktionären Militärputsch um den Oberst Kapp. An der Niederschlagung dieses Putsches und der damit einhergehenden revolutionären Welle – vor allem im Ruhrgebiet und Vogtland – beteiligten sich auch zahlreiche Syndikalisten.

 

Ausführlich werden die lokalen Gewerkschaftsgruppen der FAUD vorgestellt. Mit detaillierten Angaben zu Treffpunkten, Vorsitzenden und Mitgliederstärke und Aktivitäten ersteht ein lebendiges Bild. Über Strategiediskussionen und Arbeitskämpfe wird berichtet. In einem Extrakapitel wird das Konzept der „Arbeitsbörsen“ in der Praxis vorgestellt. Diese können als ein Herzstück der organisierten Solidarität und gebündelter Kampfkraft verstanden werden.

 

Revolutionäre Gewerkschaft im Fadenkreuz des ADGB

 

Wie bereits in anderen Forschungen zum Anarcho-Syndikalismus in Deutschland, dokumentiert Helge Döhring auch in diesem Buch den ausgeprägten Willen des reformistisch und sozialdemokratisch dominierten Allgemeinen Deutschen Gewerkschafts Bundes (ADGB) konkurrierende Gewerkschaften auszuschalten. Besonders die von den Arbeitern selbst organisierte Gewerkschaft FAUD mit ihrem revolutionären, antikapitalistischen und basisdemokratischen Grundverständnis galt als Feind.

 

In München kam es so am 17. August 1920 zu einem vom ADGB ausgerufenen Streik im Baugewerbe. Ziel war nicht etwa die Durchsetzung besserer Arbeitsbedingungen oder höherer Löhne. Ziel war die Entlassung von Mitgliedern der syndikalistischen Bauarbeiterföderation. Diese war in München betrieblich verankert und stellte eine ernstzunehmende Konkurrenz für den ADGB dar. Hier erreichte der ADGB die Entlassung der Syndikalisten. Auch in anderen Orten sind solche Angriffe auf die Anarcho-Syndikalisten bekannt geworden. Helge Döhring erklärt: „Die Zentralgewerkschaften waren besonders in der ersten Hälfte der 20er Jahre um Abgänge ihrer Mitglieder zu revolutionär-syndikalistischen, unionistischen oder anarcho-syndikalistischen Organisationen besorgt. So gab kein anderer als der ADGB Vorsitzende Karl Legien  „zur Bekämpfung der gegnerischen Gewerkschaften“ die Herausgabe der Broschüre von Paul Umbreit  „Die gegnerischen Gewerkschaften in Deutschland“ bekannt…“.

 

Über den Betrieb hinaus

 

In dem darauf folgenden Kapitel „Bewegung außerhalb der Betriebe“ werden die umfassenden gesellschaftlichen Aktivitäten der Anarcho-Syndikalisten Südbayerns vorgestellt. Leidenschaft und Engagement flossen in Anti-Alkohol-Kampagnen, in die gegen die Macht der Kirche gerichtete Freidenkerbewegung und führt zur „Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands“ (SAJD). Neben einer grundsätzlichen Vorstellung dieser Jugendorganisation wird über die Münchner Gruppe informiert. Daran anschließend berichtet Döhring über den „Syndikalistischen Frauenbund“ (SFB) und den von ihm gefunden Spuren dieser Frauenorganisation in München. Weitere Bereiche in denen Anarcho-Syndikalisten tätig waren, waren die „freien Kindergruppen“ und die „Freie Sängerbewegung“.

 

Diese werden genauso vorgestellt wie der „Verein für Sexualhygiene und Lebensreform“ (VSL) und der „Reichsverband für Geburtenregelung und Sexualhygiene“ (RV). In diesen Verbänden waren Anarcho-Syndikalisten in maßgeblichen Funktionen aktiv und nahmen auch Geld- und Gefängnisstrafen für ihre aufklärerischen und helfenden Aktivitäten in Kauf. Hervorheben möchte ich den Bericht über den „Internationalen Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit“ (IBOKA). Dieser zeigt anschaulich den Lohnarbeitsbegriff der Anarcho-Syndikalisten auf.

 

Döhring führt aus: „Bemerkenswert ist, dass in diesem Organisationsnamen die Opfer von Krieg und Lohnarbeit auf eine Stufe gesetzt wurden. Frei nach dem Georg Büchner Zitat „Unser Leben ist der Mord durch Arbeit“ wurden beispielsweise Grubenunglücke im „Syndikalist“ immer wieder als Mordtat der Kapitalisten gegenüber dem Proletariat angesehen.“

 

Berichtet wird über die Geldsammlung für die Errichtung eines Denkmales für den ermordeten Gustav Landauer auf dem Münchner Südfriedhof. Dokumentiert werden Aufruf und Geschichte dieses Denkmals welches dann 1933 von den Nazis zerstört wurde. Das Verhältnis von FAUD und der KPD-dominierten Gefangenenhilfsorganisation „Rote Hilfe“ und die Rolle Erich Mühsams darin ist Gegenstand eines weiteren Kapitels. Genauso wie der „Anarchistische Verein Münchens“. Die Unterschiede und Spannungen zwischen den Anarcho-Syndikalisten und Anarchisten tauchen in mehreren Kapitalen anhand konkreter Beispiele auf.

Schließlich werden noch die „Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands und die Allgemeine Arbeiter Union vorgestellt sowie ihre Beziehung zu den Syndikalisten.

 

Im Kampf für die Emanzipation von Augsburg bis Trostberg

 

Helge Döhring folgte den Spuren des Anarcho-Syndikalismus auch in andere Städte und förderte auch dort greifbares zu Tage. Namen, Aktivitäten und Berichte über den sozialen und politischen Kampf. Detaillierte Beschreibungen finden sich zur FAUD in Augsburg. Dort bestand schon vor dem 1. Weltkrieg eine Gruppe. Eigenständige Berufsgruppen bildeten Textil- und Metallarbeiter. In dem Kriegsinvaliden Johann Blöchl hatte die FAUD einen außerordentlich aktiven Kämpfer. Als Berichterstatter an den „Syndikalist“ ist es ihm zu verdanken dass wir uns heute noch ein lebendiges Bild über die Zustände in Augsburg machen können. Er berichtete so über Aktionen für einen Wahlboykott im Jahr 1930, griff die „feinen Herrschaften“ und ihre Verlogenheit an und las auch der Kirche gehörig die Leviten. Seine im Buch auszugsweise wiedergegebenen Berichte sprechen die schonungslose Sprache der bis ins letzte durchschauten Bosheit und Verlogenheit der Herrschenden.

 

Städteberichte finden sich des weiteren zu Dachau, wo seit 1923 ein Ortsverband der FAUD bestand, zu Erding (Ortsverband ab 1924) und Moosburg (seit 1920). Besonders interessant ist das Kapitel zu den kleinen Dörfern Ostschwabens um Pappenheim. Hier wuchs die FAUD aufgrund von Vorträgen des FAUD Agitators Hans Ramsteck. Und gerade hier wird auch deutlich, wie personenabhängig eine Bewegung sein kann, und dass mit dem Verschwinden eines Hauptakteurs die Organisation oft nicht aufrechtzuerhalten ist.

 

Ein ausführliches Kapitel findet sich auch zu Trostberg. Trostberg ist Standort der chemischen Industrie (Degussa). Seit 1920 gab es dort einen Ortsverein der FAUD. Wie unterschiedlich mit „Geschichte“ umgegangen werden kann zeigt der Autor anhand dieser Fabrik auf. Die „Bayerische Stickstoffwerke AG“ – heute Degussa – war aktiv in die Nazi-Verbrechen verwickelt.„Ein Historiker wird bezahlt, um Unternehmensgeschichte zu schreiben. ..Im Auftrage der ‚Degussa’ wird die Firmengeschichte während der NS-Zeit in den Mittelpunkt gerückt und professionell aufgearbeitet, um sich der Öffentlichkeit aufgeklärt und demokratisch präsentieren  zu können. Als wäre die Nazizeit der einzige Ausdruck menschenunwürdiger Bedingungen unter kapitalistischer Herrschaft. So aber soll es womöglich dargestellt werden. Die Geschichte der Arbeiter wird nicht geschrieben. Sie sollen im Dunkeln bleiben, ihre Leiden und Sorgen vor der Geschichte verschwiegen werden. Menschenverachtung äußerte sich jedoch nicht nur im NS-System. Sie zeigt sich in einem kapitalistischen System zu jeder Zeit den Arbeitern gegenüber. Menschen zählen hier nur in ihrer Funktion als Arbeitskraft. Die Wirtschaft ist nicht für den Menschen da, sondern der Mensch für die Wirtschaft, die ihm das Leben in Lohnarbeit diktiert. Dies ist zu jeder Zeit ein Verbrechen, auch ohne Lager und Hakenkreuz! Es nennt sich ‚freie Lohnarbeit’. Ich lasse im folgenden diejenigen zu Wort kommen, die bei der ‚Bayerischen Stickstoffwerke AG’ diesen Verhältnissen ausgesetzt wurden, und sich ihnen in den Weg stellten:“

 

So berichtet Döhring über seit Jahren nicht gereinigte Umkleideräume für die Arbeiter und die lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen. Auch über einen Generalstreik im Jahre 1921 wird berichtet und den schwierigen Kampf der FAUD vor Ort.

 

Portraits und Schlußfolgerungen

 

Vorgestellt werden weiterhin der international bekannte aktive FAUD-Funktionär und Theoretiker Helmut Rüdiger aus München und besonders liebevoll: Benno Scharmanski. Anarchist, FAUD-Mitglied, Freier Sänger und auch nach 1945 wieder aktiv in der FAUD Nachfolgeorganisation „Föderation Freiheitlicher Sozialisten“ (FSS). Helge Döhring hat ein lebendiges und würdevolles Bild dieses Menschen gezeichnet.

 

In den Kernergebnissen zu seiner Untersuchung stellt er die soziologische Zusammensetzung der südbayrischen FAUD vor. Daraus ist eine ansehnliche Liste der Aktiven entstanden, die sich auch hervorragend zu weiteren Nachforschungen eignet. Umfangreiches Zahlenmaterial zur Organisation der FAUD vor Ort rundet die Untersuchung ab. Schwerpunkt seiner zusammenfassenden Ausführungen ist aber die Erörterung der Gründe für Mitgliederverlust und sinkenden Einfluss. Als Fazit benennt er jedoch nicht nur ökonomische Faktoren wie Erwerbslosigkeit und Armut sowie die Konkurrenz des ADGB. Auch „Ehrgefühl“ und „Begeisterungsfähigkeit“ gehörten zu den Rahmenbedingungen der Bewegung. Denn: „Der Anarcho-Syndikalismus speist sich aus beidem, ohne die materialistische gegen die ideelle Komponente auszuspielen. Im elastischen Zusammenwirken beider erst entsteht jene gesellschaftliche Dynamik, die es vermag, eine freie Gesellschaft im Sinne anarcho-syndikalistischer Vorstellungen aufzubauen.“

 

Als Zugabe finden sich Berichte der Zeitzeugen Victor Fraenkl, Fritz Oerter, Helmut Rüdiger und Erich Mühsam über Gustav Landauer. Eine Analyse Augustin Souchys zu „Erfahrungen aus erlebten Revolutionen des 20. Jahrhunderts“ folgt und wird mit dem Auszug eines Interviews mit Souchy über Landauer vertieft. Anschließend finden sich biographische Anmerkungen über die soeben genannten.

 

Abgerundet wird das Buch durch ein sehr lesenswertes Nachwort des Münchner Arbeiterbewegungsforschers Günter Gerstenberg. Dessen erfrischender Beitrag über die Geschichte und Kultur Bayerns erschließt die verschiedenen Welten, die sich in Bayern feindselig gegenüberstehen. Vor dem geistigen Auge erscheinen schließlich drei anarchistische Weggefährten aus München: Augustin Souchy, die Spanienkämpferin Martha Wüstemann und Benno Scharmanski. Gerstenberg berichtet über Begegnungen mit ihnen und fragt am Ende seines Beitrages nach neuen Strategien im Kampf für eine freie Gesellschaft.

 

Im Anhang finden sich weiterhin historische Grundsatztexte, von deren Klarheit und Deutlichkeit man auch heute noch viele Anregungen entnehmen kann. So das „Organisationsstatut der FAUD“, die „Aufgaben des syndikalistischen Frauenbundes“ (1924) und die „organisatorischen Leitsätze der SAJD“ von 1923.

 

Ein ausführliches Personen-, Organisations- und Orts- Register und eine umfangreiche Literaturliste schließen das ansprechend gestaltete und mit zahlreichen Fotos und Faksimile Abbildungen revolutionärer Zeitungen und Flugblätter versehene, rundum empfehlenswerte Buch ab. Nach „Syndikalismus im Ländle“ liegt mit „Damit in Bayern Frühling werde“ ein weiteres Quellenwerk zur Geschichte des Syndikalismus in Buchform vor. Es zeigt als Schlussfolgerungen viele Überlegungen auf die sich rund um die Frage: Wie kann die anarcho-syndikalistische Bewegung stärker werden und was schwächt und bekämpft sie“ zentrieren. Ein Buch mit dem man arbeiten kann. Geschichte von unten zum Anfassen und zur heutigen Anwendung.

 

M. Neagoie, 3. November 2007

 

 

 

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